Zwei Herren. Eine Gartenparabel.


In einer kleinen Stadt wohnten einst zwei Herren, die hatten beide ein schönes großes Haus und einen großen Garten. Der eine hieß Herr Amerika, der andere hieß Herr Deutschland. Der Herr Amerika hatte einen schönen Garten, doch war er nicht sehr beliebt in der Stadt. Er kümmerte sich nicht groß um seinen Garten; vielmehr ließ er zu, dass alles wachsen konnte, wie es ihm gefiel. Er hatte ein paar Wege gebaut, über die man zu den verschiedenen Beeten kam, aber auch sie waren wild und verschlungen. Da gab es einen Teich, in dem tummelten sich die Fische, die Molche, die Wasserläufer, die Teichwanzen, die Wasserpest wuchs in langen Strängen darin und so war das Wasser immer frisch. Um den Teich herum gab es breiten Gürtel, der manchmal trockenfiel, darin wuchs das Rohr meterhoch. Es gab eine kleine Mauer, in der lebten die schüchternen Eidechsen, die immer neugierigen, forschenden Ratten, die fleißigen Spinnen und die wackeren Ameisen, und darauf wuchsen Dornsträucher in rot und in grün, bunt gemischt und prächtig. Viele Bäume und Sträucher wuchsen im Garten des Herrn Amerika, die Vögel kamen von weit her und bedienten sich ihrer Früchte, bauten ihre Nester im Laub der Bäume; da kamen auch die Katzen und lebten gut. Die Nachbarn aber mochten den Herrn Amerika nicht, denn weil sein Garten so bunt war und es den Pflanzen darin gut ging, säten sie sich oft in den Gärten der Nachbarn aus, die aber mochten die Pflanzen des Herrn Amerika nicht und schlugen sie tot, wann immer sie kamen, und sie hassten den Herrn Amerika für seine Pflanzen und manchmal warfen sie brennende Zeitungen in seinen Garten und hofften, dass dieser dann abbrenne.

Der Herr Deutschland aber pflegte seinen Garten mit Hingabe: Was ihm nicht gefiel, wurde konsequent gejätet, was ihm gefiel wurde in Dünger halb ersäuft und alle zwei Wochen fuhr der Herr Deutschland mit seinem Rasenmäher über den leuchtend grünen Einheitsrasen und verlieh ihm seine Identität. Dieses Vorgehen wie auch das Ergebnis nannte der Herr Deutschland dann seine Kultur und war sehr stolz darauf.

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Bildungsplan 2015.


Es ist ja eine sehr bizarre Überzeugung, die die Demonstranten gegen die Baden-Württembergische Bildungsplanreform an den Tag legten: Kinder müssten vor Sexualität geschützt werden. Unschuld der Kindheit, in der man nicht wissen darf, warum man selbst ein Schläuchle hat und die kleine Schwester ein Schlitzle oder umgekehrt… Man raubte mithin seinen Kindern die Kindheit, wüssten sie, was eigentlich passiert, wenn sie gezeugt werden. Man verstehe mich nicht falsch – ich traue den Demonstranten durchaus zu, dass sie ihre Kinder aufklären. Ich finde auch, dass Eltern in der Pflicht sind, ihre Kinder aufzuklären. Aufklärung aber ist ein Feld des Wissens. Wo Wissen relevant ist, sind Meinungen nur destruktiv. Eltern aber – und zumal die erwähnten Demonstranten – bedienen sich ausführlich ihrer Meinung bei der Aufklärung, und das ist der Punkt, an dem auch der angeblich natürliche Ekel vor angeblich „unnormalen“ Formen, Sexualität zu leben ansetzt. Und man sollte froh sein, dass es einen Standard gibt, an dem sich die sexuelle Aufklärung orientieren muss. Denn mehr zu wissen über Sexualität bedeutet auch den Schutz vor Übergriffen und nichtkonsensuellem Kontakt. Zum einen davor, selbigem zum Opfer zu fallen, aber auch davor, selbst Täter zu werden.
Es stellt sich mithin auch die Frage, ob sich diese Menschen ernsthaft einbilden, ihre Kinder in Zeiten von Tumblrblogs vor Sexualität schützen zu können. Selbst wenn man eine solche Absicht verfolgt – es ist für das Kind besser zu wissen, was es erwartet und dass Sexualität etwas sehr angenehmes ist als die Bilder zu sehen und nicht zu wissen, dass sowas auch Spaß machen kann ohne Schuld- oder Ekelgefühle.
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Rollender Notausgang.


Ich wohne in der Nähe einer dichtbefahrenen Bahnstrecke bei Stuttgart. Hier passiert häufig das, was man im Zugbegleiterjargon als „Personenunglück“ bezeichnet. Züge haben öfter mal mehrere Stunden Verspätung.

Bei solchen Gelegenheiten regt man sich gerne auf und pöbelt dann eins von „Nur weil so ein Arschloch da…“ Nur. „Nur“. Als wär ein Menschenleben weniger wert als das Vorstellungsgespräch, das man für seine Scheißkarriere so dringend nötig hat. Aber bitte. Die Menschen, denen ihr Scheißjob wichtiger ist als der Tod eines Verzweifelten, haben es nicht anders verdient als gefeuert zu werden. So einfach ist das, keine Diskussion. Vielleicht verlieren Menschen ihren Wert, wenn sie nicht mehr ökonomisch verwertbar sind. Sie sollen dann nicht mehr sozial stattfinden und noch weniger soll es ihr Tod – denn der ist gerade unter diesen Umständen die Erinnerung daran, wie man in Wahrheit selbst unter den Zwängen des Alltags leidet, sie kaum erträgt und wie sie es dem Einzelnen immer schwerer machen, ihnen zu entkommen. Hier ist „perfekt“ die Steigerung von „gut“ und gut das Gegenteil von gut genug; nicht nur ist das Sichwegmachen die Konsequenz des Nichtperfektseins – soweit wird es akzeptiert -, doch erinnert es auch an das eigene Nichtperfektsein, daran, dass man selbst eben maximal „gut“ ist, aber noch lange nicht gut genug und dass man somit jederzeit selbst der schmierige Film auf der Pufferbohle sein könnte. Der schmierige Film. Die Erinnerung an die Körperlichkeit, daran, dass lediglich die Oberfläche eines Menschen nicht schleimig ist, stinkt, beim Kneten schmatzt und an den darin herumwühlenden Händen kleben bleibt; eine schmerzliche Erinnerung für alle, die im Glauben an eine irgendwie nichtmaterielle, „reine“ Seele erzogen wurden, die irgendeine Affiliation mit einem allmächtigen, ja „perfekten“ Gott haben soll – wie soll so etwas in 50-80kg stinkenden Schleims zu Hause sein?

Ja, es ist zynisch, so zu empfinden, aber ich befürworte Schienensuizide. Ich finde sie ausgesprochen cool. Sie erinnern an all die Dinge, die man sein Leben lang verdrängt, deren Ubiquität einem aber ein „Leben“ unmöglich machen. Man kann nicht verhindern, dass sie passieren, und denen, die sie verüben, Egoismus vorzuwerfen oder sie zu verurteilen, ist eine ebenso große Unverschämtheit wie es vielleicht ein paar Tage vorher der Vorwurf gewesen wäre, sie würden ihre Wohnung nicht verlassen und lach doch bitte mal.

Eine kurze Unterbrechung der Perfektion, Menschen sind irritiert und wissen nicht, was mit der Irritation anzufangen ist. Ich bin auch wütend, aber nicht auf den, der sich für den Notausgang entschieden hat, sondern darauf, dass ich um eine Uhrzeit, um die ein normaler Mensch noch nichtmal die Augen aufmachen würde, mit 80 Arbeitsmoralaposteln in einen engen Raum eingesperrt bin.

Zum Schluss sei noch kommentiert, dass, wer sich darüber aufregt, zu spät zur Arbeit zu kommen, am besten gleich zu Hause bleibe; wer nicht bei der Arbeit erscheint, kommt auch nicht zu spät.

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Sterntaler.


Jeder kennt ja das Märchen aus Woyzeck und weiß ungefähr was darin passiert.

Was hingegen nicht jeder weiß, ist, dass die Brüder Grimm ungefähr zur gleichen Zeit ein ganz ähnliches Märchen aus den abgrundtiefen Flachstellen der Volksfrömmigkeit und sogenannten -weisheit hervorgegraben hatten. Dieses Märchen hieß Sterntaler. Man muss es nicht kennen. Es hat eine sehr widerliche Moral. Zwei Dinge möchte ich dazu anmerken.

1. Ich weiß ja nicht, was das für ein Universum ist, in dem das Märchen stattfindet, aber wenn ich durch den Wald laufe und mir kommen nacheinander ein alter Mann und vier halbnackte Kinder aus derselben Richtung entgegen, dann werde ich doch mindestens stutzig.

2. Was wir daraus lernen: Wenn du eh schon nichts hast, gib es ruhig weg, scheißegal ob du eine neunzigprozentige Chance hast in den nächsten zwei Stunden elend zu verrecken. Hauptsache bissle Gottvertrauen, dann geht das schon. Nein, wir müssen nichts erwähnen über Leute, die sichs leisten können, ihren Besitz wegzugeben, weil sie davon genug haben, denn das ist ja gar nicht ihre Aufgabe, die müssen nämlich leistungsträgern. Und nicht nur, dass es sehr löblich ist, seine Überlebensschance bis zum Morgen von ursprünglich vielleicht 12% auf 0,3% zu reduzieren, nein, man muss dabei auch noch gefälligst schamhaft sein und hoffen, dass niemand, nichtmal man selbst, einen nackt sieht, denn das macht das ganze Gutermenschsein wieder zunichte!

Also eigentlich ein Märchen, das in den aktuellen aufklärungsfeindlichen Zeitgeist ganz gut reinpasst.

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Mars&Venus.


Komisches Sprichwort von den Männern, die vom Mars und den Frauen, die von der Venus sind.

Man müsste das mal absichtlich wörtlich verstehen.

Demnach sind Männer eine Lebensform, deren Metabolismus entweder gar kein Wasser benötigt oder aber genügend Wärme produziert, um Wassereis bei -90°C zu verflüssigen. Außerdem müssten sie dann photosynthetisch autotrophe Lebensformen sein mangels atmosphärischen Sauerstoffs und essbarer Nahrung auf dem Mars. Sie besäßen eine sehr ledrige Haut um Flüssigkeit im Innern zu halten und wären eher sessil.

Frauen hingegen deckten den Nährstoff- und Energiebedarf ihres Stoffwechsels aus Chemo- bzw Thermosynthese von irgendwelchen Schwefelverbindungen und Kohlenstoffdioxid, müssten sehr effektive Mechanismen besitzen, um Wasser aufzunehmen und wahrscheinlich wären sie blind, weil man bei dem Sauwetter da eh nix sieht. Sie wären wahrscheinlich gasgefüllt, um in den oberen Atmosphärenschichten leben zu können.

 

Wir sehen hier schon: Biochemisch absolut nicht kompatibel, aber sicher gibts einen Hentai dazu.

 

Ach, und ich ging hier nur von mehrzelligem eukaryotischem Leben aus. Das ist schon unwahrscheinlich genug. Also bevor ihr das nächste Mal versucht, damit zu rechtfertigen, dass ihr zu blöd seid, euch wie Menschen zu benehmen statt wie inkarnierte Stereotypen, versucht mal bissle drüber nachzudenken und haltet doch einfach die Fresse, k?

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Orwell.


Das interessante ist: Der Teil, der an 1984 richtig ist und der sich auch ohne viel hinzu- oder wegzudenken auf die aktuelle, aber auch frühere Gesellschaft übertragen lässt, ist eine sehr treffende Beschreibung dessen, was passiert, wenn Kapitalismus nicht fundamental kritisiert wird, sondern die Ablehnung seiner Effekte auf seine, nennen wir sie: Protagonisten übertragen wird, also die sog „Kapitalisten“. Die alte Dreischichtung der Gesellschaft ist in 1984 nicht überwunden, die Produktions- und Machtverhältnisse sind immer noch so verteilt wie es in den Geschichtsbüchern von Ozeanien beschrieben wird, und immer noch wird geteilt zwischen dem guten Kapitalismus (der aber nicht mehr als solcher benannt wird, dadurch aber, dass er ausschließlich an Wachstum – dieses aber ohne Effekte auf die „Normalbevölkerung“ – und Wettbewerb mit den beiden anderen Mächten orientiert ist, de facto ein solcher ist) und den schlechten Kapitalisten (Goldstein), dort aber im Gegensatz zur realen Welt nicht als geduldet von denen, die selbsternannte Antikapitalisten zu kritisieren behaupten und damit doch nur deren Macht weiter konsolidieren, sondern als von diesen aktiv propagiert beschrieben. Interessant ist weiterhin, dass gerade die, die bei allem andern so schnell mit Vergleichen zu Orwell zur Hand sind, welche moderne Technik auch immer gerade im Scheinwerferkegel steht, genau das übersehen, interessant, aber nicht erstaunlich: Schließlich fallen sie mit all ihrer Kritik genau diesem Umstand immer wieder zum Opfer.

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Mollath.


So dreist die Behandlung Gustl Mollaths durch Behörden und Kliniken auch gewesen sein mag, und so wichtig die dadurch angestoßenen Diskussionen auch sein mögen, es ist in hohem Maß bedenklich und gefährlich, dass die Geschehnisse nun auch Wasser auf die Mühlen derer sind, die die Existenz psychischer Krankheiten leugnen, die Psychiatrische Kliniken per se für Orte zur Verwahrung Unliebsamer ansehen; so dringend eine Reform der psychiatrischen Medizin notwendig ist, so dringend ist auch die Gefahr, dass Menschen, die akut einer Behandlung bedürfen, solcher Propaganda zum Opfer fallen und ihr Leid somit absichtlich, aber unwissentlich nur noch mehr vergrößern. Und gerade bei psychisch erkrankten Menschen ist diese Gefahr besonders hoch – solche Tendenzen zu ignorieren wäre mithin sehr verantwortungslos.

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