Gothic in der Provinz.


Auch Provinzdissen versuchen manchmal, ihr Angebot von Onkelznächten, Metalpartys, Schlagerparaden und Top40s-Abenden aufzulockern und stattdessen mal (würfelwürfelwürfel) Gothic zu veranstalten. Und man denkt sich, hey, da hat doch der einzige Club im Kreisregierungssitzkaff des alten Kaffs wieder aufgemacht, in den man auch dann gehen konnte, wenn man Musikgeschmack und ein Gehirn besitzt, und es gibt eine Gothicnacht. Wie schön, denkt an sich, eine Samstagnacht ohne Blue Monday und Safety Dance ist eine komplette verschwendete Woche, also hin.

Was man aber dabei nicht bedenkt: In der Provinz ist Gothic zuallererst mal Metal. Und so sehen die Leute da auch aus. Die Musikauswahl ist so weit von Wave weg, dass man sich ganz ernsthaft über die dreiviertelstündige Passage freut, in der Trance(!!!) läuft. Für nen kurzen Moment glaubt man, wie schön, die spielen Duran Duran. Aber es war dann doch nur so eine Art Minimal Techno, der ein kleines bisschen die Toms von „Wild Boys“ zitiert hat. Man sieht mehr Bondagehosen und Cargopants mit Camouflageprints als bei einer My Little Pony-Convention. Dazu Unmengen schwarze Tanktops. Das in Kombination mit dem grimmigen Blick und den bizarren Schattenboxübungen der meisten Tänzer demonstriert nun nicht gerade Endzeithedonismus, sondern vielmehr „ACH JA HAB ICH ÜBRIGENS HEUTE SCHONMAL ERWÄHNT DASS ICH EINEN FUCKING PENIS BESITZE!!!“. Alles in allem ungefähr so sexy wie sein Alter mit „x Jahre jung“ anzugeben. Wahrscheinlich machen die das da sogar normalerweise. Wenn dann also zwischen NDH, Folk Metal und noch grottigeren Scooter-Ripoffs dann mal alle 2h für 10min Wave läuft, leert sich der Floor in Rekordzeit.

Alles sehr schade. Die Annäherung der Metal- und Gothicszenen in den Neunzigern war das schlimmste, das dem Genre und der Szene hätte passieren können. Gothic, that is. Die Metalszene hat natürlich davon profitiert: Zulauf vor allem von jüngeren Mädchen, die endlich zugeben konnten, dass sie Metal hörten, weil Metal endlich mal ein klein wenig mehr sexuelle Ausstrahlung als der Blobfisch haben durfte. Ganz ganz viele neue Subgenres. Endlich auch mal Synthies benutzen dürfen. Gothic hingegen ging daran kaputt. Einzug hielten Mackertum, prätentiöses Pathos, Texte über Gnome im Wald und ein bizarrer Faerie-Fetisch, wahrscheinlich um darüber hinwegzutäuschen dass man ja trotzdem einmal am Tag nen Haufen ins Becken legen muss. Und musikalisch? Da kamen die Rumsbumsgitarren und Märchenonkelgesang auf der einen Seite, HP Baxxter und Gabber Piet auf der anderen.

Natürlich bin ich konservativ mit meinem Begriff von Gothic. Denn das, was da vor nun schon 20 Jahren zu viel neu dazukam, das war ja gar nicht neu. Das war erzkonservativ. Provinziell. Traditionalistisch. Regressiv. Man hätte so viel Interessantes machen können aus einer schöneren Version von Punk für Endzeithedonisten. Stattdessen ist man die Onkelz in schwarzem Lackleder.

Manchmal geh ich dann doch immer wieder in die Provinzdissen mit den Gothicveranstaltungen, trage dabei schrille Slim Fit-Hemden, Skinny Jeans und Yuppieschuhe und hoffe dass bei den DJs endlich mal ein oder zwei Groschen fallen.

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Über onechordbassist

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