Maßstäbe der Ekelhaftigkeit.


Nichts ist heute so billig wie ein Holocaustvergleich – man bekommt ihn überall nachgeschmissen, ohne etwas dafür tun zu müssen. Schlimmes kann nicht Maßstab für sich selbst sein, sondern bedarf immer erst der Adelung durch die Shoah.

Nun ist Ekelhaftigkeit keine skalare Größe. Ekelhaftigkeit lässt sich in mehreren, vielleicht beliebig vielen Dimensionen messen. Die Ekelhaftigkeit von Akif Pirinccis KZ-Rede wird nicht etwa größer, wenn man das Kernzitat aus dem Kontext reißt und letzteren ins Gegenteil verkehrt: Vielmehr wird sie relativiert. Vielleicht ist das Ergebnis der merkwürdigen, soll man sagen: Strategien so vieler, die ein bisschen ausgelacht werden, ein bisschen angepöbelt werden und vereinzelt auch physisch attackiert werden, daraus eine politische Verfolgung zu inszenieren. Bitte nicht falsch verstehen: Verprügelt zu werden ist schlimm genug, aber es existiert keine systematische Verfolgung Andersdenkender durch paramilitärische Schlägertrupps… nun, auch das ist falsch. Aber diese Verfolgung geschieht – wie ironisch – gerade durch diejenigen, die sich selbst als Opfer systematischer staatlicher und gesellschaftlicher Verfolgung gerieren: Deutscher und türkischer Faschisten, Islamisten, Pegida-Anhängern, dem eher theoriefernen Teil der Antifa.

Indem nun aber, ganz allgemein, jedes Ereignis, das man als ekelhaft empfindet, mit seiner Ekelhaftigkeit nicht für sich stehen kann, sondern erst der Adelung durch die Shoah bedarf, relativiert man nicht nur die Shoah, sondern auch das entsprechende Ereignis selbst. Schließlich wird impliziert, dass etwas nicht aus ganz eigenen Gründen ekelhaft sein kann. Das Massensterben der Flüchtlinge im Mittelmeer ist schon dadurch unerträglich, dass es geschieht, es wird nicht erst dadurch unerträglich, dass jemand den Vergleich zu Auschwitz zieht. Sobald man letzteres für nötig hält, ist auch schon ausgesprochen, dass man dem Sterben seine Ekelhaftigkeit erst zusprechen muss, damit es auch wirklich ekelhaft ist.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit Pirinccis Rede. In Zeiten, in denen es als völlig normal gilt, sich wegen jedes dummen Witzes, wegen jeder womöglich durchaus unangebrachten Beschimpfung mit den Juden im Nationalsozialismus zu vergleichen, wird die Ekelhaftigkeit des Selbstvergleichs freilich nicht erkannt. Was erkannt wird ist: Der hat was über die KZs gesagt und dass es leider keine mehr gibt. Dieser Satz ist in beiden Lesarten ekelhaft, aber eine ist eben im Kontext falsch. Die falsche Lesart macht ihn nicht etwa noch ekelhafter, sondern sehr viel weniger ekelhaft. Statt darauf hinzuweisen, dass es im nationalsozialistischen Deutschland sehr, sehr wenige jüdische Massendemonstrationen mit Fackelzügen und wütenden Rednern gab, dass im nationalsozialistischen Deutschland sehr, sehr wenige Juden Parolen gegen alles brüllten, was ihnen nicht in den Kram passte (lies beidesmal: gar keine), und dass es wiederum in der BRD 2015 gegen Pegida-Anhänger eher wenige Maßnahmen der Staatsgewalt per default gibt, sondern immer erst dann, wenn sie gegen geltendes Gesetz verstoßen, das heißt also, statt darauf hinzuweisen, wie absurd der Vergleich ist, ganz ähnlich wie sich Kinder über Kinderarbeit und Sklavenhaltung beschweren, wenn sie zum Abspülen verdonnert werden, wird so getan, als wäre Pegida erst dann kritikwürdig, wenn ihre Redner wortwörtlich den Massenmord an Flüchtlingen in Deutschland fordern, und der Kontext dementsprechend verfälscht.

Dem Kampf gegen Rassismus tut man damit nichts gutes, und ebensowenig dem Kampf gegen Pegida, im Gegenteil: Nicht nur wird suggeriert, es sei ja alles nicht so schlimm, so lange nicht explizit der Genozid gefordert wird, man spielt auch der unsäglichen Parole von der Lügenpresse in die Hände.

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