Motto Mobbing. Eine beinah wahre Geschichte aus meiner Autobiographie.


Mobbing ist scheiße. Dessen ist man sich einig, das sagen alle und legen auch großen Wert drauf dass bloß jeder das weiß. Große Kampagnen und Aufklärung und man soll einander zuhören, und das klappt zwar nur sehr selten, aber man tut wenigstens so als wär’s so. Und dann entdeckt man auf einmal, wie lustig es in Wahrheit doch sein kann. Ja, unglaublich lustig, wenn man weiß wie und welches Opfer man sich aussuchen muss. Das wurde mir eines Tages auf eine äußerst erheiternde Weise bewusst.

Besagten Tages nämlich dachte ich über mein Leben nach und stellte mir vor, ich wäre älter, viel älter als ich damals war und viel älter als ich jetzt bin. Im Moment bin ich, glaube ich, 24, aber eigentlich weiß das niemand so richtig. Dann fing ich an, mit meinen anwesenden Freunden ein bisschen hinter meinem Rücken zu lästern: „Ey, guck dir doch mal diesen Gregor an. Der ist 72 und spart seit Jahren auf sein erstes Auto. Aber hast du dir seine Wohnung angeguckt? Ein Wunder wenn er 75 wird, ganz zu schweigen von 112. Das Auto kann er vergessen. Aber hey, immerhin: Wenn er die 93 schafft, kann er nach Abzug der Beerdigungskosten immerhin ein Zehntel seiner jetzigen Schulden ohne Zinsen abzahlen, und das ist für jemand wie den schon ein Trost.“
Auf einmal merkte ich, was für ein unglaublich angenehmes Gefühl es doch ist, sich über jemanden zu erheben, noch dazu jemanden, den man so gut kennt und deshalb weiß, dass es der Wahrheit entspricht. Ich dachte, ein so leichtes Opfer findest du so schnell nicht wieder, und so begann nach und nach die lustigste Phase meines Lebens. Wenn ich mich in der Schule meldete und mich die Lehrer drannahmen, begann ich, jedesmal, wenn ich etwas sagen wollte, Furzgeräusche zu machen und mein dummes Geschwätz mit verächtlichem Lachen zu übertönen. Das gefiel mir, weil die Klasse das alles ziemlich lustig fand. Dann ging es weiter: Ab und zu ließ ich Essensreste von meinem Pausenbrot in mein Federmäppchen und meinen Schulranzen fallen, und als ich mich daraufhin deshalb zur Rede stellte, lachte ich nur und zog mir meine Unterhose über den Kopf, während ich sie noch trug. Natürlich war das sehr schmerzhaft, was ich wiederum noch witziger fand, und so nahm ich meine Trinkflasche, spottete: „Ach, hast du Schmerzen? Hier, das wird es kühlen!“ und schüttete sie mir in den Schritt.
Man kann sich denken, wie das dann aussah, ein neuer Grund, mich auszulachen – „Ach Gottchen, hat das Riesenbaby sich eingepisst vor Schmerzen? Geht mal lieber weg von dem, sonst macht er euch voll, hahaha…“, während ich mit meinem Handy (das natürlich viel besser war als mein eigenes, welches ich mir ohnehin schon zwei Wochen vorher geklaut hatte) den ganzen Spaß filmte und gleich am Nachmittag auf Youtube stellte und dafür 300 Klicks in einer Woche erhielt. Ich begrüßte mich täglich mit „Warum schlage ich mich selbst? WARUM SCHLAGE ICH MICH SELBST? WARUM SCHLAGE ICH MICH SELBST??? GREGOR, HÖR AUF MICH SELBST ZU SCHLAGEN!!!“, zerriss öfters mal mein selbst bezahltes Mathebuch und warf mehrmals in der Woche mein Mäppchen in nicht gespülte Toiletten. Wenn ich es nicht eigenhändig rausfischte, drückte ich meinen Kopf hinein und sagte „Du bist doch immer so neugierig, wolltest du denn nicht auch mal wissen, wie so ein Klo von innen aussieht?“.

Nach und nach lernte ich auch, die Naturgesetze zu überwinden, schaffte es, mich selbst im Turnhallenspind einzuschließen und den Schlüssel wegzuwerfen, sodass ich die Nacht darin verbringen musste. Die Turnhalle war ohnehin mein Lieblingsspielplatz. Das war auch naheliegend: Ich war ja der Trottel mit der Fünf in Sport, während ich wiederum ganz stolz meine 1,0 nach Hause brachte. Es war also ganz normal, dass ich mich öfters mal selbst kopfüber in den Basketballkorb steckte.
Und klar, die ganze Klasse machte mit. War ja auch ok, nahm mir einiges an Arbeit ab. Mobbing ist konsequent gelebte Basisdemokratie mit Volksentscheid, also Übung für uns, eines Tages sagen zu können: Wir sind das Volk. Aber trotzdem war ich in alledem der Anführer, derjenige, der mir die schlimmsten Dinge zufügte. Und ich war immer stolz darauf. War es damals, bin es heute noch. Eigentlich bin ich gegen Mobbing. Aber gegen ein wirklich hassenswertes Opfer: Immer dafür.

Advertisements

Über onechordbassist

disrespect my authority
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s