Zwei Herren. Eine Gartenparabel.


In einer kleinen Stadt wohnten einst zwei Herren, die hatten beide ein schönes großes Haus und einen großen Garten. Der eine hieß Herr Amerika, der andere hieß Herr Deutschland. Der Herr Amerika hatte einen schönen Garten, doch war er nicht sehr beliebt in der Stadt. Er kümmerte sich nicht groß um seinen Garten; vielmehr ließ er zu, dass alles wachsen konnte, wie es ihm gefiel. Er hatte ein paar Wege gebaut, über die man zu den verschiedenen Beeten kam, aber auch sie waren wild und verschlungen. Da gab es einen Teich, in dem tummelten sich die Fische, die Molche, die Wasserläufer, die Teichwanzen, die Wasserpest wuchs in langen Strängen darin und so war das Wasser immer frisch. Um den Teich herum gab es breiten Gürtel, der manchmal trockenfiel, darin wuchs das Rohr meterhoch. Es gab eine kleine Mauer, in der lebten die schüchternen Eidechsen, die immer neugierigen, forschenden Ratten, die fleißigen Spinnen und die wackeren Ameisen, und darauf wuchsen Dornsträucher in rot und in grün, bunt gemischt und prächtig. Viele Bäume und Sträucher wuchsen im Garten des Herrn Amerika, die Vögel kamen von weit her und bedienten sich ihrer Früchte, bauten ihre Nester im Laub der Bäume; da kamen auch die Katzen und lebten gut. Die Nachbarn aber mochten den Herrn Amerika nicht, denn weil sein Garten so bunt war und es den Pflanzen darin gut ging, säten sie sich oft in den Gärten der Nachbarn aus, die aber mochten die Pflanzen des Herrn Amerika nicht und schlugen sie tot, wann immer sie kamen, und sie hassten den Herrn Amerika für seine Pflanzen und manchmal warfen sie brennende Zeitungen in seinen Garten und hofften, dass dieser dann abbrenne.

Der Herr Deutschland aber pflegte seinen Garten mit Hingabe: Was ihm nicht gefiel, wurde konsequent gejätet, was ihm gefiel wurde in Dünger halb ersäuft und alle zwei Wochen fuhr der Herr Deutschland mit seinem Rasenmäher über den leuchtend grünen Einheitsrasen und verlieh ihm seine Identität. Dieses Vorgehen wie auch das Ergebnis nannte der Herr Deutschland dann seine Kultur und war sehr stolz darauf.

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