Rollender Notausgang.


Ich wohne in der Nähe einer dichtbefahrenen Bahnstrecke bei Stuttgart. Hier passiert häufig das, was man im Zugbegleiterjargon als „Personenunglück“ bezeichnet. Züge haben öfter mal mehrere Stunden Verspätung.

Bei solchen Gelegenheiten regt man sich gerne auf und pöbelt dann eins von „Nur weil so ein Arschloch da…“ Nur. „Nur“. Als wär ein Menschenleben weniger wert als das Vorstellungsgespräch, das man für seine Scheißkarriere so dringend nötig hat. Aber bitte. Die Menschen, denen ihr Scheißjob wichtiger ist als der Tod eines Verzweifelten, haben es nicht anders verdient als gefeuert zu werden. So einfach ist das, keine Diskussion. Vielleicht verlieren Menschen ihren Wert, wenn sie nicht mehr ökonomisch verwertbar sind. Sie sollen dann nicht mehr sozial stattfinden und noch weniger soll es ihr Tod – denn der ist gerade unter diesen Umständen die Erinnerung daran, wie man in Wahrheit selbst unter den Zwängen des Alltags leidet, sie kaum erträgt und wie sie es dem Einzelnen immer schwerer machen, ihnen zu entkommen. Hier ist „perfekt“ die Steigerung von „gut“ und gut das Gegenteil von gut genug; nicht nur ist das Sichwegmachen die Konsequenz des Nichtperfektseins – soweit wird es akzeptiert -, doch erinnert es auch an das eigene Nichtperfektsein, daran, dass man selbst eben maximal „gut“ ist, aber noch lange nicht gut genug und dass man somit jederzeit selbst der schmierige Film auf der Pufferbohle sein könnte. Der schmierige Film. Die Erinnerung an die Körperlichkeit, daran, dass lediglich die Oberfläche eines Menschen nicht schleimig ist, stinkt, beim Kneten schmatzt und an den darin herumwühlenden Händen kleben bleibt; eine schmerzliche Erinnerung für alle, die im Glauben an eine irgendwie nichtmaterielle, „reine“ Seele erzogen wurden, die irgendeine Affiliation mit einem allmächtigen, ja „perfekten“ Gott haben soll – wie soll so etwas in 50-80kg stinkenden Schleims zu Hause sein?

Ja, es ist zynisch, so zu empfinden, aber ich befürworte Schienensuizide. Ich finde sie ausgesprochen cool. Sie erinnern an all die Dinge, die man sein Leben lang verdrängt, deren Ubiquität einem aber ein „Leben“ unmöglich machen. Man kann nicht verhindern, dass sie passieren, und denen, die sie verüben, Egoismus vorzuwerfen oder sie zu verurteilen, ist eine ebenso große Unverschämtheit wie es vielleicht ein paar Tage vorher der Vorwurf gewesen wäre, sie würden ihre Wohnung nicht verlassen und lach doch bitte mal.

Eine kurze Unterbrechung der Perfektion, Menschen sind irritiert und wissen nicht, was mit der Irritation anzufangen ist. Ich bin auch wütend, aber nicht auf den, der sich für den Notausgang entschieden hat, sondern darauf, dass ich um eine Uhrzeit, um die ein normaler Mensch noch nichtmal die Augen aufmachen würde, mit 80 Arbeitsmoralaposteln in einen engen Raum eingesperrt bin.

Zum Schluss sei noch kommentiert, dass, wer sich darüber aufregt, zu spät zur Arbeit zu kommen, am besten gleich zu Hause bleibe; wer nicht bei der Arbeit erscheint, kommt auch nicht zu spät.

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Über onechordbassist

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Eine Antwort zu Rollender Notausgang.

  1. mSecond schreibt:

    Ha! Gutes Schlusswort in einem definitiv genug gutem (hä?) Artikel zu einem kontroversen Thema. Was ist schon perfekt? Der Perfektionswahn vielleicht …

    Habe selber schon viel über das Thema „Selbstmord“ nachgedacht, ohne aber suizidal zu sein.
    Selbstmord. Klingt, als wär’s ’ne Straftat, ein Verbrechen.
    Viele der unbeteiligten (Über-)Lebenden stellen es dann auch so hin, manchmal (oder oft? Ich weiß es nicht) sogar die Hinterbliebenen, falls es welche gibt (und die z. T. gewiss die tätsächlichen Verbrechen im Vorfeld begangen haben).

    Ich glaube, ich habe da meine eigenen radikalen Ansichten.
    Einerseits mir selbst gegenüber:
    Sollte ich jemals in die Situation gelangen, dass ich keine andere Möglichkeit mehr für mich sehe, mich anderen, leib-, psyche- und lebensbedrohenden Menschen zu entziehen als auf die Weise, dass ich mich mir selbst mit der letzten Konsequenz entziehe, dann will ich niemanden mit der Hauruck-Methode traumatisieren. Zum Teil aus anerzogenem prophylaktischem Mitgefühl, aber auch weil Therapieplätze oft lange Wartezeiten haben und die sollten u. a. für weitaus schwerer Traumatisierte schneller frei werden, anstatt mit Menschen befüllt zu sein, die zum ersten Mal in ihrem Leben Blut und Eingeweide gesehen haben (um es sarkastisch auszudrücken).

    … andererseits gestehe ich den Leuten die selbstgewählte Todesart aber durchaus zu, auch wenn sie sich vor einen Zug legen wollen. Das Radikale daran: Wer sich töten will, wird von mir auch ernstgenommen.
    Wer sterben will, soll sterben dürfen, mit Selbstmord zu drohen(!) nützt mir gegenüber von daher nix oder nicht viel oder nicht lang was.
    Mit dem wahrscheinlich dann gewünschten Verhalten würde ich einen psychischen Parasiten füttern und zwar direkt mit mir selbst.
    … zumal ich eh nicht sonderlich gut erkennen kann, wann jemand irgendwas ernst meint oder nicht (oder was/wie auch immer).
    Mit einem Gesprächsangebot eine Deeskalation zu versuchen, ist drin. Aber wenn ich merke, dass mich jemand derbe manipulieren will mit sowas, dann ist Ende, dann war’s das von meiner Seite.
    So sehr hänge ich nicht an anderen Leuten, dass ich mir einen „Klotz ans Bein binde“, den ich in dann Fall sowieso nicht vermissen würde. Im Gegenteil. Ich bin froh, wenn ich so einen „Leech“ wieder los bin. Andernfalls würde ich einen psychischen Parasiten füttern und zwar direkt mit mir selbst.
    Das sehe ich nicht ein. Es nützt da keinem wirklich was, wenn ich mich überfordern lasse, außer, dass es dem „Leech“ kurzfristig eine Art „Kick“ gibt, der ihn nur weiter in seiner Manipuliererei bestätigt.
    Erfahrungsgemäß versuchen derartig gestrickte Individuen es immer wieder, wenn es einmal damit geklappt hat. (Mich dafür verantwortlich zu fühlen, dass andere(!) ihn dann vermissen könnten, ist nicht mein Ding.)

    Ob diese Person sich dann umbringt oder anderweitig einfach nur aus meinem Dunstkreis verschwindet (weil sie bei mir offensichtlich nix zum Holen findet), ist mir dann ziemlich egal.
    Im schlimmsten Fall bin ich über die Tat dieses Menschen ’ne Weile schockiert, aber es war letztlich seine Entscheidung.

    Stört es dich, dass ich gerade so ausführlich kommentiere?

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