We all hate against America.


Deutscher Antiamerikanismus ist ja so eine Sache. Die Hassliebe der Deutschen gegen die USA bedient sich ja selten komplexerer Motive als der Ablehnung stereotypisierter realer Phänomene innerhalb der US-Gesellschaft (gern gewählt: Der ihr ja tatsächlich inhärente Rassismus) und im Vergleich dazu die Überhöhung dessen, was in der deutschen Gesellschaft angeblich besser sei.

Man muss dem American Dream nichts abgewinnen; doch sollte man nicht ignorieren, dass es eben auch American Dream ist, sich ihm zu verweigern, und dass die, die ihn träumen, eben ganz genau wissen, dass er kein Phänomen für alle Ewigkeit ist, und sie, wenn er einmal ausgeträumt sein sollte, sich zuallererstmal fragen, wie machen wir jetzt weiter?, ohne das „Ob“ überhaupt in Frage zu stellen.

Sein deutsches Pendant, so es denn existiert, stellt nichtmal die Frage, ob es jemals obsolet sein sollte, im Gegenteil: An ihm soll einst die Welt genesen. Und im gleichen Maß, wie Deutsche die USA als die „Weltpolizei“ bezeichnen, die sich überall einmische, ignorieren sie die nicht minder imperialistische deutsche Selbstinszenierung als das schlechte Gewissen der Welt, nein: nicht ignorieren, sie verteidigen sie voller Stolz, denn man habe ja aus seiner Geschichte gelernt, und in diesen Darstellungen auch immer als einzige Nation auf der ganzen weiten Welt, weshalb man sich das ja auch erlauben dürfe und alle andern nicht. Das deutsche Pendant zum American Dream inszeniert sich nicht als eine adaptive, selbstgewählte Attitüde, sondern als etwas dem Individuum inhärentes, eigentliches.

Ich muss dazu sagen, dass ich zwar einige Freunde habe, die in den USA wohnen, aber noch nie dort war, und um nun fair vergleichen zu können, werde ich im nächsten Abschnitt so tun, als würde ich auch die deutsche Gesellschaft nicht aus eigener Erfahrung kennen, sondern ich werde lediglich die verfügbaren Medienbilder der jeweils eigenen Gesellschaft vergleichen.

„Wir Deutschen werden immer als Nazis bezeichnet, aber wer sagt was über die Indianer, die Sklaverei, Vietnam?“ – nein, wer das ernsthaft glaubt, hat wahrscheinlich noch nie eine US-Serie über mehr als zwei Folgen hindurch gesehen, von Spongebob Schwammkopf vielleicht abgesehen. Die Simpsons, South Park, M.A.S.H, unzählige Filme beschäftigen sich mit den schlechten Seiten der US-Geschichte und das eben nicht verharmlosend, eben nicht relativierend, sondern nicht selten sehr pointiert und sehr destruktiv. Deutsche Filme, die sich auf die Nazizeit beziehen, handeln dann doch nur von der Zivilbevölkerung, die ja wohl das erste und größte Opfer der Nazis war; von den Soldaten, die auch immer nur litten, niemals aber Täter waren, und wenn, dann nur, weil sie ja ihre Befehle befolgten. Gern spricht man auch von der DDR als einem Staat, der noch viel mehr Schurkenstaat gewesen sein muss als das Dritte Reich – immerhin, man hatte ja doch sowas wie Wohlstand vorm Krieg, in der DDR musste man drei Generationen lang auf ein Rad Käse warten; und die Nazis waren ja immerhin Deutsche, die DDR, das war Fremdherrschaft und die ist ohnehin per se etwas schlechtes. Nun wird die Shoah in deutschen Medien wenigstens öfter mal erwähnt, wenn es auch nahezu keine deutschen Filme gibt, in denen sie eindeutig behandelt wird – lieber stellt man die Diktatur dar als die Vernichtung. Um auch nur eine Erwähnung der Niederschlagung der Aufstände in den Kolonien ab 1904 zu entdecken, muss man schon sehr intensiv und lange suchen.

Die typisch deutsche Klage, „wir“ würden von allen nur als Nazis bezeichnet werden und wir wären für alle nur die Rassisten, obwohl es doch anderswo noch schlimmer wär, ist deshalb falsch: Gerade in den USA wird der gesellschaftlich inhärente Rassismus ständig sehr intensiv thematisiert und diskutiert auf allen Ebenen der Gesellschaft; es ist Deutschland, das diesen Rassismus totschweigt und im Gegenzug dazu sogar als Antirassismus darstellt, es ist Deutschland, das eben nicht „ganz entspannt und unverkrampft“ mit seiner Vergangenheit umgehen kann: das hieße nämlich, sie kritisch zu thematisieren und die eigene Rolle bzw die der Familie und Bekannten in ihr und dem, was danach kam, ebenfalls nicht totzuschweigen. Das hieße, anzuerkennen, dass es eben keine von oben aufgedrängte Herrschaft war, die plötzlich kam und die Zivilbevölkerung versklavte, sondern dass die Nazis von nebenan kamen, dass man eben doch selber einer war und dass auch heute noch die Nazis ganz normale Menschen sind, die Nachbarn, die Eltern, Geschwister, man selbst – übrigens eine Trope, die faschistische Organisationen auch heute noch sehr gern und auch sehr bewusst anwenden.

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