Irgendwas mit Paläo.


Vor langer, langer, sehr langer und noch längerer Zeit, da war die Welt noch in Ordnung. Männer waren noch echte Männer ohne Deo, dafür mit Keule zum Mammuts erschlagen (Freud knows best), Frauen waren noch echte Frauen und natürlich schön ohne Makeup, Kinder haben noch gehorcht, denn sonst wären sie gestorben und die Menschen waren alle in perfekter Gesundheit, weil sie im Einklang mit der Natur gelebt haben. Früher, da waren wir alle Neandertaler, bis jemand beschloss: Ich gründe eine Zivilisation, da bin ich der König, du, du, du und du seid jetzt Bauern, du, du, du und du seid Soldaten, du da kümmerst dich um den Kornspeicher in unserer Stadt, ja, Stadt, so nennen wir das! Das war am Ende der Eiszeit (von der es überhaupt nur eine, nämlich DIE EISZEIT™ gab), alle waren damit einverstanden und als das passierte fielen ihnen die Augenbrauenwülste ab, die Nasen wurden schmaler, kleiner und gerade und den Menschen wuchsen Kinne: Die nächste Evolutionsstufe war erreicht! Seither werden die Menschen krank, sexuell deviant (zB homopervers oder so) und führen Kriege gegeneinander; vorher gab es alles das nicht! So oder so ähnlich muss das wohl gelaufen sein, zumindest wenn man so manchem persönlich oder auch öffentlich bekannten Mitmenschen Glauben schenkt. Gut ist, was natürlich ist, die Menschen gehören irgendwie nicht dazu; was aber dieses „Natürlich“ bedeuten soll, wird nicht reflektiert, sondern der Begriff sowie ein ebenso unreflektierter Begriff von Künstlichkeit vorausgesetzt. Zwischen der „natürlichen“, lies: per se guten Natur und der „künstlichen“, lies: pervertierten Menschenwelt liegt demnach ein unüberwindbarer Graben; gerade so, als entstünden Artefakte im Vakuum und unterlägen nicht ebenso einer Evolution wie die Geno- und Phänotypen der Lebewesen.

Doch schon da fängt es an: Auch ein angemessenes Verständnis der Evolution des Lebens ist auf breiter Ebene so gut wie nicht existent; anstattdessen ist dieses Verständnis geprägt von arroganter Klugscheißerei von Leuten, die in Wahrheit viel zu desinteressiert am Thema sind um überhaupt eine kompetente Frage stellen zu können. Wann immer die Rede ist von „Missing Links“ oder „Evolutionsstufen“, wann immer ein Bild erzeugt wird, nach dem der Mensch entsprechend der Genesis irgendeine Art von „Krone der Schöpfung“ – auch, nein, vor allem im negativen Sinn! –  verstanden, wann immer versucht wird, der Evolution so etwas wie einen Sinn, ein Ziel zu geben, wann immer behauptet wird, der Mensch wäre etwas, das nicht in diesem Sinn ist, immer dann zeigt sich, wie wenig Ahnung das Gegenüber doch hat, entweder, weil es schon per default nie interessiert war an den Fragen, die die Entwicklung des Lebens betreffen oder weil es – aus eigenem Verschulden oder weil es ihm per Erziehung – bildlich – ausgeprügelt wurde (Weil Schrödingers Katze auch so neugierig war oder was auch immer) – das natürliche kindliche Interesse an diesen Fragen verloren und sich daher nie weiter damit beschäftigt hat. Nun ist es aber nicht so, dass die Ahnungslosigkeit jemanden abhielte, dennoch altkluge Kommentare abzugeben über die „Natur des Menschen“ und darüber, wie der Mensch irgendein Fremdkörper in der Welt wäre, etwas „Unnatürliches“, oft begleitet vom depperten Zitat des Matrix-Agenten Smith; von da ist es dann auch nicht mehr weit das Matrix-Szenario für bare Münze zu nehmen* – und tatsächlich begegnen einem, geäußert von denselben Misanthropen, die von Natürlichkeit schwärmen und die Zivilisation verachten, auch allerlei Verschwörungsideen und -szenarien; das ergibt einander sogar: Irgendeinen Grund muss es ja geben, aus dem die Zivilisation so destruktive Auswirkungen auf die Menschen und deren Umwelt hat; da wird dann oft auch der Kapitalismus als Quelle dieser Destruktivität ausgemacht, aber nicht verstanden: Tatsächlich ist beispielsweise Silvio Gesells Lehre der „Natürlichen Wirtschaftsordnung“ in der Ökobewegung sehr beliebt, die völlig ignoriert, dass eine Marktwirtschaft ihre Produktivität erst aus dem Zinsprozess schöpft. Oft wird dann die kapitalistische Wirtschaftsordnung fehlverstanden als eine Einrichtung irgendwelcher geheimer Mächte, die die Geschehnisse so steuern, dass sie am Ende die Weltherrschaft erlangen (über die sie aber, angesichts ihrer imaginierten Fähigkeiten, doch schon zu verfügen scheinen); und natürlich sind es die falschen Leute, die an der Macht sind, und wenn nur die richtigen, „gerechten“ Herrscher an der Spitze stünden mit der starken Hand, dann würde alles wieder in Ordnung kommen: Die böse Schulmedizin würde nicht mehr praktiziert und könnte deshalb auch keine Menschen mehr in Massen morden, anstattdessen würden die Heiler (nicht Ärzte!) nach natürlichen Methoden heilen: Ähnlichkeitsprinzipien statt eines schlimm! schlimm! „mechanistischen“ Verständnisses des Körpers (soll heißen: statt sich überhaupt mal die Frage zu stellen wie so ein Körper funktioniert); das hieße dann: Bei Scharlach verfärben sich die Schleimhäute rot, deshalb muss man mit einer roten Frucht behandeln. Die Ärzte gucken nur auf die Symptome, aber die Alternativheiler verstehen die Krankheit!!1111 Aber überhaupt wird es ja, wenn man erstmal hinter die Zivilisation zurückgefallen ist und die ganzen Schmarotzer und unnützen Esser (Juden, Arbeitslose und entartete Künstler (also alle, die nicht so machen wie Arno Breker)) ausgerottet hat, gar keine Krankheiten mehr geben, denn sie sind ja alle selbstverschuldet! Das sieht man schon daran, dass im Mittelalter keiner Krebs gehabt hat! Dass die durchschnittliche Lebenserwartung gute 30, 40 Jahre niedriger lag als heute und die meisten Krebserkrankungen halt doch eher im höheren Alter auftreten, spielt hier keine Rolle und überhaupt, das ist doch gar keine spiritually correcte Sicht auf den ganzheitlichen Menschen!

Woher aber kommt die Sehnsucht der Menschen nach etwas, über das sie in Wahrheit nichtmal zu recherchieren in der Lage sind? Und wie kommt es, dass speziell all diejenigen Menschen sich nach alten Zeiten sehnen, in denen jeder seinen Platz hatte und göttlich erwählte Herrscher ihre Untertanen unter Kontrolle hielten und niemand mit so Hirngespinsten daherkam wie Egalitarismus und Emanzipation des Individuums, die doch selbst am meisten von den Vorzügen dieser Emanzipation profitieren; warum sich genau diese Menschen als Teil der Elite zu dieser Zeit imaginieren, obwohl jeder, der ein bisschen Menschenkenntnis besitzt, ihnen sofort ansieht, dass sie in einer Feudalgesellschaft wohl eher die Elite der Unterlegenen, die Avantgarde der Niedergestampften, kurz: Eben jenen gesellschaftlichen Sondermüll gebildet hätten, als den sie heute andere betrachten, die nicht das Glück einer bildungsbürgerlich geprägten Kindheit hatten. Kritisieren und analysieren mag man die Zustände nicht, verdammen hingegen schon; da aber Analyse und Kritik wegfallen folgt man den Instinkten, und diese verdammen die Zivilisation: Diese brachte Geld, Umweltvernichtung, das Wissen um die Massenarmut (aber eben gerade nicht! die Massenarmut selbst!); auch die Entfremdung des Subjekts von der Natur, die Auflösung der Identität des Menschen mit dem, was man so pathetisch falsch gern als „Blut“ bezeichnet; den Verlust dessen, was man für „eigentlich“ und dem „echten“ Menschen inhärent hielt. Der fast nie laut erzählte, aber vom kritischen Beobachter stets mitgedachte Treppenwitz von der Pagan Metal-Band, die gegründet wurde von einem Diabetiker, einem Epileptiker, einem Bipolaren und einem Phenylketonuriekranken und die in jedem Interview lang und breit davon fabuliert wie viel besser doch in der Vergangenheit alles war; damals nämlich bevor das „artfremde“ Christentum erschien und weitere 400-800 Jahre später dann der erwachende Forschergeist der frühen Neuzeit überhaupt erst die Erfindung der Medizin möglich machte und somit die Bedingungen schuf, dass auch nur ein einziger der genannten Musiker sein 20. Lebensjahr erleben könnte, ganz zu schweigen von den Gitarren, den Verstärkern und den PAs; dieser Witz ist ja gerade deshalb eigentlich noch viel witziger als die groteske Ablehnung der Neuheiden gegenüber dem Christentum als „irrational“ und „lebensfremd“, die ja auch aus einem ganz ähnlichen Grund überaus drollig ist; wer dem Primitivismus frönen will, möge das bitte tun, aber er klage dann bitte nicht, wenn er beim Baumfällen sich den Rücken bricht und es  in der Wildnis weder Rollstühle noch Erwachsenenwindeln gibt. Nun muss freilich das Christentum als Religion und Herrschaftsinstrument stets kritisiert werden; das aber mit dem Ziel zu tun, hinter es zurückzufallen, statt sich von religiösen Gummimatten für den Verstand zu emanzipieren zu streben, ist mehr als nur dumm, es ist barbarisch und wären diejenigen, die auf diese Art Religion kritisieren, auch nur ein klein wenig konsequent, würden sie sich jede Kritik selbst verbieten und alle Herrschaftsverhältnisse ohne jede Frage affirmieren. Von besonderer Drolligkeit gerade in diesem Zusammenhang ist ja die Parallelität der imaginierten „Urzustände“, nämlich der Situation Adams und Evas vor dem Sündenfall in der Genesis der abrahamitischen Religionen zur idealisierten steinzeitlichen Gesellschaft; in beide werden die Unschuld der (verlorenen?) Kindheit, die Abwesenheit der ewig antreibenden Neugier, die einem gesunden Menschen nicht nur ureigen ist, sondern ihn mithin auch ausmacht, der Neugier nach dem Wissen um die eigene Herkunft und Position im Universum, die wiewohl, wenn unterdrückt, krank machen kann und wird, wenn aber nach den eigenen Fähigkeiten und Neigungen frei gelebt die Befriedigung verschaffen kann, die so viele vergeblich suchen (und dabei verrecken) in den kuschelplüschigen Greifklauen irgendwelcher religiöser Fundamentalisten, esoterischer Heilsversprecher, selbstgerechter Heilpraktiker und Sektengurus; in beide wird das Ziel der Sehnsucht nach dem einfacheren und daher irgendwie besseren Leben projiziert, das Leben, in dem es genügt zu wissen, gerade hab ich meinem Freund, der einen epileptischen Anfall erlebt, auf die Gosch gehauen und dann ist er aufgewacht, also hilft auf die Gosch zu hauen bei epileptischen Anfällen, das Leben, in dem es genügt zu wissen, bei Vollmond ist viel Wild nachts unterwegs, der Vollmond hat magische Kräfte, denn er sorgt für Wildreichtum, beten wir zum Mond, er möge uns noch viel Wild bescheren! Was jetzt aber einfacher sein soll an diesem Leben, erfährt man nicht, könnte man womöglich durchaus, hätte sich der Apologet dieses Lebens auch nur mal zwei Stunden darüber Gedanken gemacht anstatt sich in seine Befindlichkeitsphraseologie zu flüchten, dann aber hätte man trotz der neuen Erkenntnisse, warum nun dieses Leben einfacher sein soll, keine Apologie, sondern einen gnadenlosen Verriss der zuvor noch selbst vertretenen Lebenssicht erfahren.

Bleibt abschließend noch zu sagen:
Wären all die menschenhassenden Ökoprimitivisten dieser Welt konsequent, so müssten sie Umweltzerstörung doch befürworten. Schließlich geht es dem Umweltschutz nicht, und es ging ihm niemals! um die Bewahrung der Biosphäre zum Selbstzweck; das ist auch gar nicht nötig: Keine noch so große menschengemachte Katastrophe könnte die Biosphäre so sehr beschädigen, dass sie sich nicht mehr selbst regenerieren kann. Die Umwelt zu schützen ist dem Umweltschutz lediglich Mittel zum Zweck, nämlich die für menschliches Wohlbefinden geeignete Umwelt zu bewahren, also den menschlichen Lebensraum. Das ist aber auch gut so; Menschen können nur mit menschlichen Begriffen funktionieren und nur Menschen können mit menschlichen Begriffen funktionieren, das gilt genauso für den Umweltschutz. Umweltschutz ist Ausdruck des Interesses der Menschen an ihrer angenehmen Fortexistenz. Unbezweifelt will jedes einzelne Tier, das ein hinreichend komplexes Nervensystem besitzt, weiterleben, und zwar ohne Schmerzen empfinden zu müssen und ohne sich unfrei fühlen zu müssen. Das aber unterläuft die Natur schon ganz von selbst. Tiere tun andern Tieren ständig grausame Dinge an, auch gerne just for teh lulz. Darauf nun menschliche Begriffe anwenden zu wollen und der Gesamtheit der Spezies irgendein, nunja, eigentliches Interesse zu unterstellen, das durch die Präsenz der Menschen massiv gestört werde, leugnet diese Dinge völlig; das Dilemma des Antispeziesismus, den Schimpansen zwar Menschenrechte, nicht aber Menschenpflichten, nämlich nicht mordlüstern zu Tode zu foltern** zugestehen zu wollen bzw auch nur zu können, tritt hier einmal mehr zu Tage.
Nun gibt es ja für den menschenhassenden Ökoprimitivisten keine natürlichen Grausamkeiten, keine Grausamkeiten innerhalb der Natur, sie ist per se gut. Grausamkeiten werden immer nur vom Menschen an der Natur verübt und diejenigen, die von Menschen an Menschen verübt werden, sind nichtig im Vergleich zu, nunja, eigentlich schon einer erschlagenen Fliege.
Wenn nun also Umweltschutz eigentlich lediglich Schutz der Interessen der Menschen ist und die Menschen das sind, was die Natur stört, mithin also ausgerottet werden muss… warum denken wir nicht noch drei Schritte weiter und erklären dann, als konsequente menschenhassende Ökoprimitivisten, die wir sind, dass Umweltzerstörung in Wahrheit etwas gutes ist und daher vorangetrieben werden muss?***

*Interessant wie einem Film, der sich in erster Linie durch völlig unnötige und überlastete Actionszenen und einen unsäglich ekligen Soundtrack (Lincoln Park, ähöm) auszeichnet, so viel intellektuelle Aussagekraft (unberechtigt) zugesprochen wird – nicht, dass das Konzept schlecht wäre, aber, anderer Film, auch die an sich interessante Idee hinter The Island wird eben dadurch völlig zunichte gemacht, dass es ein ekliger Michael Bay-Film ist; und so leid es mir tut für die Fans, viel mehr als coole Optik hat auch The Matrix nicht zu bieten.

**Wenn nun ein solcher Fall zwischen zwei Schimpansen eintritt (was er dokumentiert schon öfter ist!), wird das Opfer das Menschenrecht auf Strafverfolgung erfahren müssen; der Täter hingegen kann nicht verstehen, warum es eine Ethik gibt, die es verbietet, diejenigen, die man verachtet, totzufoltern, daher darf er nicht bestraft werden; mithin wird jedes Tötungs“delikt“ zwischen Großen Menschenaffen ein täterloses Verbrechen sein, dessen Täter gleichwohl bekannt ist!

***Wenn irgendein menschenhassender ökoprimitivistischer AK dereinst diese These veröffentlicht, verlange ich von denen Tantiemen. Das ist beschlossene Sache. Allerdings werde ich dann meinerseits Tantiemen zahlen an mindestens ein Dutzend italienischer Disney-Zeichner. Schlagt es nach! Findet ihr in jedem dritten Lustigen Taschenbuch, so  einen Fall! Mindestens!

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