Der deutsche Rassist.


Das Perfide am deutschen Rassismus ist, dass seine Vertreter ihn gar nicht als solchen, sondern oft genug sogar als Antirassismus verstehen. Der deutsche Rassist behauptet nicht nur, wie auch sonstwo bei Rassisten üblich, er wäre gar keiner, sondern er ist sogar noch davon überzeugt. Der deutsche Rassist will womöglich gar nicht mal ethnische Homogenität (auch wenn diese Forderung nicht so selten ist wie man vielleicht annehmen möchte), sondern tritt sogar für etwas ein, das er als Vielfalt bezeichnet; damit meint er aber nicht die Vielfalt der individuellen Lebensentwürfe, also die Vielfalt der selbstbestimmten, selbstgestalteten und selbstdefinierten oder eben undefinierten Identitäten, sondern die Vielfalt der zugewiesenen Identitäten, zugewiesen durch die Geburt als Ethnie, Religion oder Nationalität. Der deutsche Rassist „hat ja eigentlich gar nichts“ gegen Schwarze, Araber, Türken, Vietnamesen, Juden, whatever, denn schließlich „bereichert die Exotik das Miteinander ungemein“. Es geht nicht darum, dass man eigentlich nichtmal einen Gedanken verschwenden müsste, in welcher Farbe der Mensch auftritt, der mir grade im Zug auf die Füße getreten ist/sich in die Tür der S-Bahn gestellt hat, dass ich noch reinkomme, nein, dem deutschen Rassisten geht es darum, dass er das immer wahrnimmt und zwar wahrnimmt als etwas an sich trennendes. Der deutsche Rassist braucht seinen Trommelneger, seinen Dönertürken und seinen Klezmerjuden; mit diesen festen Identitäten kann er gut leben, denn er kennt sie und so kann er klar nach Ethnie trennen, wer was macht; er kann so immer noch seine gewohnten Kategorien von Fremdheit und Vertrautheit aufrechterhalten, so wie es immer war und immer sein wird.

Der deutsche Rassist ist für Multikulti; das bedeutet für ihn: Zwar will er „Integration“ oder was auch immer er dafür hält; das bedeutet zum einen die Anpassung an die Leit-/Leidkultur, ein ordentlicher Leistungsträger zu werden; auf der andern Seite aber muss der Ausländer noch klar ein solcher bleiben; er muss „seine“ Kultur pflegen und in ihr aufgehen, gleichzeitig aber muss er sich mit der deutschen Arbeits“kultur“ ebenso identifizieren wie mit der Kultur seiner mit ihm selbst gleichgesetzten Wurzeln. Der deutsche Rassist lehnt „Assimilation“ ab; Assimilation bedeutet hier aber nicht die Assimilation des Individuums in das Kollektiv – denn diese befürwortet er ja! – sondern die des Kollektivs in ein von ihm als amorph wahrgenommenes Kontingent an Menschen. Der deutsche Rassist befürwortet die Pluralität der Ethnien, aber diese sind für ihn untrennbar verbunden mit seinem Bild von Kultur, das sich dann aber meistens auf halbesoterischen Ethnokitsch beschränkt (besonders zu beachten die deutsche Obsession mit den „Indianern“, die auch nirgends sonst mehr so heißen; zumal immer dann, wenn das gefälschte „Zitat“ des Häuptlings Seattle und ähnliche Verklärungen ins Spiel kommen); für den deutschen Rassisten ist es nachgerade ein Verbrechen, ein Individuum sein zu wollen und sein „Volk“, seine „Rasse“ zu „verraten“ –  und das kann schon in so etwas nebensächlichem bestehen wie sich als schwarze Frau die Haare zu glätten.

Der deutsche Rassist mag sich sogar als links inszenieren und die Nieder- oder Höherbewertung seiner von ihm nichtsdestotrotz heißgeliebten „Rassen“ mag ihm auch ferner liegen als alles andere; er mag „gegen Nazis“ sein und dabei gar nicht merken, dass er mehr mit dem Ethnopluralismus der Neuen Rechten gemein hat als mit einem emanzipatorischen Antirassismus. Hier ist auch zu verstehen, woraus „linke“ „Antirassisten“ ihren Hass auf Israel schöpfen: Der Staat Israel steht, auch wenn bzw gerade weil* er ein in erster Linie jüdischer Staat ist, für die Emanzipation des Individuums vom Kollektiv. Organisationen wie die Hamas bekommen nicht obwohl, sondern gerade weil sie ein völkisch-territoriales Weltbild vertreten, so viel Zuspruch gerade von Deutschen, gerade von sich selbst für links und antirassistisch haltenden Deutschen. Gerade weil sie mit Gewalt gegen die Auflösung klarer ethnischer Grenzziehungen angehen, wird ihr Kampf als „emanzipatorisch“ missverstanden. Was aber Volksbefreiung mit Emanzipation zu tun haben soll… nunja. Ich vermute, dieses Rätsel wird zu meinen Lebzeiten wohl nicht mehr gelöst werden. Deprimierend; ich habe den Vertretern solcher Haltungen oft genug diese Frage gestellt, beantworten konnten sie sie nie; vermutlich wissen sie es selbst nicht und vermutlich haben sie auch noch nie darüber nachgedacht.

 

 

*Israel als der Ort der jüdischen Emanzipation ist auch der Ort, an dem Juden zumindest im Ansatz die kollektivierte Rolle DES JUDEN™ nicht mehr zwangsweise zugeschrieben wird; d.h. der Ort, an dem jüdisches Leben nicht mehr als Kollektiv verstanden wird, sondern wie in allen Staaten ein vielfältiges, komplexes Gesellschaftsgebilde aus vielen Individuen formt. Dass Israel nun zum Juden unter den Staaten gemacht wurde und wird, subvertiert den Sinn des Staates nicht, sondern macht seine Existenz nur umso notwendiger.

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