Eine kurze Geschichte vom Komischsein.


Ich weiß, es ist idiotisch, Stolz zu empfinden für etwas, an dem man nicht aktiv beteiligt war. Dennoch bin ich darauf stolz, gerade in diese Umgebung schon seit meiner Geburt nicht hineinzupassen, seit meiner Geburt immer das Gegenteil dessen gewesen zu sein, was meine Mitmenschen in der sogenannten Heimat so an den Tag legten; es gibt nichts, auf das man stolz sein könnte, wenn man im Filstal Teil irgendeiner Mehrheit ist. Wahrscheinlich sind hier deswegen alle Patrioten, wer weiß das schon…
Ich glaubte früher, irgendetwas an mir wäre falsch. Man redete mir ja auch andauernd ein, ich verhielte mich falsch und müsste mich anstrengen, dann könnt ich normal sein so wie alle andern. Aber dann war ich erschöpft von den Familienfeiern, bei denen in ohrenbetäubender Lautstärke viel geredet und nichteinmal nichts gesagt wurde, erschöpft, obwohl ich mich an den Gesprächen nicht beteiligte. Wenn ich versuchte mich zu beteiligen, war alles was ich versuchte beizusteuern aus irgendeinem Grund falsch, ich wusste nicht wieso und mir sagte auch niemand, was daran falsch war. Seit ich mich erinnern kann, war ich schon immer komisch; ich hab anders gedacht und fand das was um mich rum passierte so unlogisch… ich war schon immer komisch und ich wusste nicht wieso; ich dachte, ich wär sogar zum Michanpassen zu doof…* Natürlich kam auch niemand auf die Idee mir zu erklären, worin sich mein Verhalten von dem der andern unterschied und natürlich gab es so etwas wie alternative Lebensauffassungen mal eben überhaupt nicht. Ich wusste nicht, wie man etwas mit andern unternimmt, wollte schon mit sechs lieber über die Systematik der Wale diskutieren als Power Rangers zu spielen; ich konnte nicht verstehen, warum andere davon nichts wissen wollten. Irgendwann hab ich resigniert und wurde krank, und mir wurde und wird immer noch die Verantwortung auferlegt, deren Symptome zu leugnen anstatt mich von den Dingen, die mich und alle andern krankmachen zu befreien. Mittlerweile denke ich seit geraumer Zeit wieder strukturiert und geordnet, habe genug Energie um durch den Tag zu kommen. Und jetzt? Wenn ich versuche, auch nur das kleinste bisschen Inhalt in die öden Gespräche bei den Familienfeiern, zu deren Besuch man mich aus durchaus nachvollziehbaren Gründen zwingt, einzubringen, werde ich niedergebrüllt. Ach, würdet ihr euch gegenseitig die Parasiten vom Rücken fressen, wüsst ich wenigstens, dass ich mich nicht einmischen kann. Aber wenn man in einem sozialen Kontext Wörter verwendet, bedeutet das für mich, dass man nicht einfach nur sinnlos Laute erzeugen möchte, sondern versucht zu sprechen, etwas zu sagen. Ich werde in dieser Hoffnung jedesmal bitter enttäuscht. Und alle haben das Recht, mich niederzumachen; ich habe kein Recht, meine Kritik an ungenauer Sprache und der merkwürdigen Ablehnung jeder Art von Inhalt gegenüber frei zu äußern, ich soll alles bei mir behalten, schön grinsen und dem Konsens zustimmen. Nicht nur in der Familie, auch zu den wenigen Malen, als ich mit den örtlichen Eingeborenen in die örtlichen Entschuldigungen für einen Ort zum Trinken ging, um… nunja, zu trinken; niemals war es erwünscht, tatsächlich auch so etwas wie Inhalt in den Gesprächen zu haben. Man sagte mir, das hier wäre meine Heimat und ich werde sie immer in mir haben. Welch grausige Vorstellung, aber es stimmt nunmal. Ich weiß nun, dass ich niemals eine gesunde Einstellung zu meinem Dasein haben werde; danke dafür, liebe Heimat.
Und immer war es irgendwie meine eigene Schuld, dass ich nicht dazupasste, immer hatte ich mich zu ändern und es lag ganz bestimmt niemals daran, dass es woanders bestimmt jemand gegeben hätte, der mir ähnelt. Ich glaube, ich habe so viel Interessantes zu sagen, so viele Dinge, die in meinem Kopf sind und nach draußen müssen, aber manchmal ist es fast so, als würden alle meine Mitmenschen, die ich im Verlauf der letzten 23 1/2 Jahre kennengelernt hab, ihre größten Anstrengungen darauf verwenden, dass ich sie niemals nach draußen lassen kann und wenn doch, dann dass niemand sie je erfährt…
niewiederheimat. niewiederheimat. niewiederheimat.

 

 

 

*Text in kursiv aus Lena Stoehrfaktor – Komisch 

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