Die Heimat kennt kein Gewissen.


Es ist ja absolut keine neue Erkenntnis, dass für die Deutschen, um einen Ort zu mögen, ihnen dieser Ort nichtmal gefallen muss, es kann auch das ekligste Drecksloch überhaupt sein; es reicht ja völlig aus, wenn ihnen irgendwann mal weisgemacht wurde, es wär Heimat dort.

Heimat, das ist, wenn es eigentlich unerträglich ist, aber weil man nur das kennt und weil man schon immer dort gelebt hat, glaubt man, es wäre der schönste Ort der Welt, der Ort, den man nicht verlassen will, der Ort, zu dem man irgendwie eine „natürliche“ Bindung besitzt. Wenn man schon keinen Verstand hat, so hat man doch seine Heimat; das gilt umgekehrt genauso. Wenn ich dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, das Urteil zukommen lasse, das er auch verdient (also den Wunsch, die Royal Air Force möge sich noch einmal erbarmen), so droht man mir, das hier wäre meine Heimat, die mich geprägt hat und deren Prägung ich niemals verlieren würde. Man glaubt, mich damit irgendwie beruhigen zu können und meine Bindung zu diesem Ort wiederherzustellen, aber tatsächlich vergrößert es nur meine Angst davor, dass nicht nur die ersten 22 1/2 Jahre meines Lebens eine einzige Verschwendung von Lebenszeit waren, sondern dass ich außerdem bis in alle Ewigkeit ein Schwabe aus der Provinz bleiben werde. Orte, an denen zu leben sich lohnt, bezeichnet man nicht als Heimat, sondern als Zuhause, ein Zuhause zu besitzen impliziert, es auch verlassen zu können. Ein Ort, den man als Heimat bezeichnet, kann bei neutraler, rationaler Betrachtung nur als die Hölle im negativsten Sinn des Wortes verstanden werden; die Heimat vernichtet den Verstand, die Kreativität, den Wunsch nach Entwicklung. Heimat ist die Summe der Zwänge, mit denen man sich abgefunden hat, weil es zu anstrengend ist, sich ein gutes Leben zu wünschen und dafür zu kämpfen. Womöglich hat man es sich auch noch nie gewünscht und man klammert sich an die Heimat wie ein Mensch, der von einer Bezugsperson Gewalt erlebt sich an den Täter klammert. Womöglich ist Heimatliebe einfach nur ein fälschlicherweise gar nicht pathologisch verstandenes Stockholmsyndrom. Denn es ist schon merkwürdig, dass gerade die Deutschen, die an den unerträglichsten Orten des Landes leben, die intensivste Heimatliebe entwickeln. Merkwürdig, aber naheliegend: Man lebt an einem Ort, von dem man unbewusst sogar merkt, dass er eigentlich nur anekelt, dass man ihn nur verachten kann; aber man kann ihm nicht entkommen und weil man nie gelernt hat, sich auf das Fremde einzulassen, das Außen, glaubt man auch nicht, dass es anderswo besser sein könnte, hält es sogar für unmöglich. So redet man sich dann ein, der Ort, an dem man lebt, wäre einem irgendwie natürliches Habitat, das einen geprägt hat – was ja auch durchaus der Fall ist, allein die zerstörerischen Aspekte dieser Prägung werden ausgeblendet, bewusst womöglich nichteinmal in Betracht gezogen; letzteres aber durchaus unbewusst. Nun aber kommt jemand, der die Heimat in Frage stellt, ein Fremder, der das zwanghaft aufgebaute Heimatidyll stört. Der Fremde erweckt den Zweifel an der Heimat; er ruft ins Bewusstsein, was offensichtlich ist, aber der heimatliebende Mensch nicht wahrhaben will: Das Idyll und die Heimat sind eben nicht die schöne Welt, die abseits von den Übeln der großen Welt liegen und in der dieselbe noch in Ordnung ist; vielmehr ist das Gegenteil der Fall. Nun entsteht Spannung, die eben nicht so kanalisiert werden kann, wie eigentlich sinnvoll wäre, nämlich in die Erkenntnis, dass es auch draußen eine Welt gibt, die zu entdecken sich lohnt; vielmehr wird der Fremde dafür gehasst, dass er Unangenehmes geweckt hat in dem, der sich da in seine Heimatliebe geflüchtet hat, daraus dann der Vernichtungswunsch des Fremden: Er darf sich nichteinmal assimilieren, denn seine Identität als Teil eines Kollektivs zu verlieren stellt ein Vergehen gegen die Unwandelbarkeit des Eigentlichen dar; was auch immer das Eigentliche sein soll, es ist irgendwie zu bewahren. Die Identität des Individuums mit seiner Herkunft: Unwandelbar. Das Individuum ist seine Herkunft, lernt man nicht zuletzt auch in so vielen womöglich sogar gutgemeinten Kampagnen für „Toleranz“ und gegen „Fremden“feindlichkeit. Und da fängt es schon an: Als „fremd“ wird nicht definiert, dass man sich nicht zurechtfindet in der Umgebung, sondern, dass man irgendwie im Äußeren nicht übereinstimmt mit denen, die die Mehrheit bilden. Und dass jemand aus einem anderen Land kommt und anders aussieht, ist zu tolerieren, nicht etwa einfach als eine Eigenschaft wie die Wahl der Hosen, die man trägt oder die Länge der Beine zur Kenntnis zu nehmen. Beachten: Es geht hier nicht um irgendwelches Verhalten, das vielleicht andere stören, nerven oder behindern könnte, auf das folglich auch der Begriff des Tolerierens anwendbar ist, es geht hier um so etwas belangloses wie den Umstand, dass das Gegenüber eine andere Hautfarbe besitzt und anscheinend ist es normal, sich davon so sehr gestört zu fühlen, dass man sich zu „Toleranz“ zwingen muss. Anscheinend ist es so schlimm, eine anders gefärbte Hautoberfläche oder anders geformte Haare zu besitzen, dass die weißen Eingeborenen einem erklären müssen, das ist ja gar nicht schlimm, ich tolerier dich trotzdem. Mit dem Subtext: Aber es ist meine Heimat, und du bist Gast – und dieser Gaststatus wird gerechtfertigt nicht dadurch, dass der als fremd Wahrgenommene womöglich selbst vorhat, nur ein paar Jahre vielleicht zum Studieren zu bleiben, sondern allein dadurch, dass er anders aussieht oder vielleicht auch mit starkem Akzent spricht.

Nun aber zurück zur Heimat:
Es ist grausam, eine Heimat zu besitzen und ich bin der Meinung, eigentlich sollten Heimaten vor den Augen der Menschen, die sich mit ihr identisch fühlen, zerstört werden; denn so wie diese Menschen jedem, der irgendwie nicht ins Bild passt und als fremd wahrgenommen wird, ein angenehmes Leben in diesen Heimaten unmöglich machen und ihnen eben nicht die Toleranz oder sogar Akzeptanz gegenüber der Heimat, sondern vielmehr den brennenden und nicht zu stillenden Vernichtungswunsch ihr gegenüber einimpfen, einen niemals endenden Hass auf alles was Heimat ist, so sollen eben diejenigen, für die die Heimat das wichtigste ist, noch vor dem Wunsch, angenehm zu leben und dieses angenehme Leben für alle zu schaffen, auch lernen, dass Heimat vergänglich ist wie alles andere auch, und dass auch sie nur ein weiterer Fetisch ist in der Warenwelt, und etwas, das in Wahrheit überhaupt keine Bedeutung hat bis auf die, die man ihr beimisst und das auch nur durch die Bedeutung, die das Individuum ihr zugesteht, auch irgendwie Macht ausübt über dasselbe.

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Eine Antwort zu Die Heimat kennt kein Gewissen.

  1. mSecond schreibt:

    Mist, ich finde meine sogenannte „Heimat“ gestört, äh … gehört zerstört, da ich sie gern wirklich los wäre, nicht nur mit ’nem Abstand von halb Deutschland. Evakuieren und das Kaff abreißen, mein ich ernst. Auf dass sich die dem 300-400-Einwohner-Kaff endlich ihrer Umwelt stellen mögen.
    Jetzt bin ich die Minderheit mit starkem(?) Akzent und erfahre deswegen keine Intoleranz.
    Was schon mal schön ist.
    Aber dafür welche für meine entwicklungstechnische „Bauart“, besonders unter den „ach so Sozialen und Toleranten“.
    Nichtstrotztodes bin ich froh darüber, dass nun weitgehend meine Ruhe habe.
    Man muss aufpassen, von wem man sich „helfen“ lässt, ob im kleinen Rahmen oder kontinente-umspannend.

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