Lebensmotto? Tarnkappe. (+ein Nachruf)


Neulich hatte ich eine sehr groteske Unterhaltung mit einem Kollegen aus meinem Ausbildungslehrgang. Irgendwas mit Arbeit und dass ich nicht besonders davon begeistert bin, Arbeit zu haben nur um Arbeit zu haben. Oder überhaupt davon, etwas zu tun, das zum Zwang wird.

Besagter Arbeitskollege meinte, er wär begeistert, um vier morgens aufzustehen und freiwillig mehr zu arbeiten als nötig, um sich dann alle paar Wochen einen Freitag freizunehmen. Er wär stolz drauf, am Abend heimzukommen und erschöpft zu sein, weil er was geleistet habe. Es sei ein angenehmes Gefühl, wenn man was gutes getan habe. Etwas gutes also. So. Und dieses angenehme Gefühl hat man also auch wenn man das jeden Tag so tut, morgens um vier raus um um halb sechs bei der Arbeit zu sein und jeden Tag zwei Überstunden zu leisten, dann nachmittags heimkommt und zwar ein bisschen Zeit hat, aber leider viel zu erschöpft ist, diese Zeit sinnvoll zu nutzen. Stolz darauf, zum Wachstum beizutragen, stolz darauf, etwas für Deutschland zu tun. Das heißt also, den Zwang nicht als Zwang, sondern im Gegenteil, als das zu erleben, was einen menschlich macht. Er sagte sogar wörtlich: „Es macht dich frei.“

Nun weiß ich freilich nicht was andere unter Freiheit verstehen, aber Freiheit heißt für mich eben nicht, drei Stunden bevor ich überhaupt anfange wach zu werden aufzustehen, dann eineinhalb Stunden in einem völlig überfüllten Zug mit viel zu vielen viel zu eklig-fröhlichen Menschen sitzen zu müssen, deren Gesellschaft ich mir nicht ausgesucht hab, dann neun Stunden in irgendeinem völlig überheizten Büro rumzuhocken, in dem ich wiederum die Heizung nicht runterdrehen kann, weil dann irgendjemand mit Motzen anfängt, umgeben von Menschen, deren Gegenwart ich nicht ertrage, weil sie keine anderen Gesprächsthemen kennen als das unglaublich wichtige Sexualleben irgendwelcher anderer und warum es moralisch daneben ist, weil mich ihr Desinteresse an ihrer verzweifelten Situation ekelt, weil mich ihre Ignoranz gegen die vielen faszinierenden Dinge dieser Welt krank macht, weil ich Menschen, die Dinge nur deshalb lernen, weil es vorgegeben ist sie zu lernen, abgrundtief verachte (und das zu Recht), dann wieder eineinhalb Stunden nach Hause zu fahren. Dabei noch immer schön so zu tun als würde mich das alles unglaublich glücklich machen, das falsche Grinsen aufsetzen wie mein Erzfeind in den Lautsprechern der REs. Da bleibt dann nicht mehr viel Zeit und nicht mehr viel Energie für wirklich wichtige und sinnvolle Dinge… also was ist daran Freiheit? Mag ja sein, dass ich Geld habe, aber ich kann es ja nicht mehr ausgeben, weil mir Zeit und Energie fehlen, mit den Dingen, die ich mir dafür kaufen kann, nennenswert etwas anzufangen.

Ich meinte dann, ich kenne dieses Gefühl, das hab ich immer dann, wenn ich einen guten Gig gespielt und mich dabei verausgabt hab, empfinde; er meinte, das zählte nicht, weil ich dann ja nur meinem eigenen Hedonismus nachgekommen wär. Er sagte nicht Hedonismus, ich weiß nicht welcher Formulierung er sich bediente, aber es war, was er meinte. Natürlich ist das Blödsinn. Das Gefühl, etwas getan zu haben, hab ich doch wirklich nur dann dauerhaft, wenn ich mir selbst ausgesucht hab, auf welche Weise ich es erreicht hab und eben nicht, indem ich Dinge tue, zu denen ich gezwungen werde, die ich nicht selbst beenden kann wenn sie mir zu viel werden und deren Verlauf ich auch nicht beeinflussen kann.

Man sagte mir, ich schuldete meinen Mitmenschen den Eindruck fröhlich zu sein, glücklich. Grinsend aus dem Bett zu hüpfen und schon am frühen Morgen bereit zu sein meinen Einsatz für Deutschland und das Wirtschaftswachstum zu bringen. Mich nicht darüber zu beschweren, dass ich unter Zwang stehe, der Zwang ist ja Freiheit, sondern darüber, dass man mir den Zwang wegnehmen möchte und dass es Menschen gibt, die nicht im Zwang leben. Lebensmotto Tarnkappe*.

All das verstehe ich nicht. Vielleicht habe ich das früher mal, aber eigentlich ist es so, dass ich es mir früher nur eingebildet hab, so wie alle, die begeistert sind von der Arbeitswelt per se; nicht von etwas das sie tun und wofür sie zufällig Geld bekommen, sondern davon, dass sie eine Arbeit haben; und die niemals darüber nachdenken, sei es, weil sie nie drauf gekommen sind, sei es, weil sie sich aktiv davon abhalten.

Ich werde niemals, NIEMALS, mich zwingen, an allem nur das Gute zu sehen, das hieße, ich hätte keine Motivation mehr, die Situation zu verbessern. Ich werde immer das Schlechte in allem akzentuieren, denn die Welt ist eine traurige, es sterben Menschen in ihr, die zu der Zeit, zu der sie es tun, nicht sterben müssten. Menschen schneiden ihre eigenen Körper in Fetzen, nur um ihre eigenen Gefühle so fokussieren zu können, dass sie ihrem Alltag nachgehen können. Menschen steigen in Züge ein, während diese noch fahren, anders gesagt, aus dem fahrenden Zug Physische Existenz, solange dieser auch noch mitten in der Fahrt ist. Und das nicht, weil sie schwach wären, Versager, Feiglinge, Egoisten. Wie egoistisch ist jemand, der sein ganzes (sehr kurzes, in vielen Fällen) Leben damit zugebracht hat, das zu tun, was andere von ihm verlangten, nicht weil er ihnen Gutes tun wollte, sondern weil es den Erwartungen entsprach? Wären all die Menschen, die sich rausnehmen aus dem Kontinuum der Verbraucher/rekrutierbaren Erwerbspersonen, wirklich so egoistisch, wie man es ihnen nachsagt, hätten sie niemals unter den Umständen leiden müssen, die sie zu diesem Schritt genötigt haben.

 

* und postscriptum:
Wie ich heute Mittag erfahren habe, hat sich NMZS von den Antilopen vor zwei Tagen das Leben genommen. Unter anderem unter diesem Eindruck ist dieser Text hier entstanden. Ich war nie ein großer Fan der Crew und hab von ihnen auch erst vor ein paar Wochen erfahren, dennoch hinterlässt das Ganze ein sehr unangenehmes Gefühl. Es ist so traurig, was die Zwänge der Verhältnisse mit den Menschen anstellen. Und noch trauriger, wie perfide es von den Mitmenschen ist, einem die Zwänge schönzureden, sie wären Freiheit, und dass sie es nichtmal merken. NMZS ist nur einer von vielen, die diesen Weg gewählt haben und noch wählen werden, aber seine Art, das Gefühl, unter dem Zwang zu leben, auszudrücken, war einzigartig und auch wenn man ihn nicht persönlich kannte, macht seine Entscheidung einen unglaublich traurig.

Rest in peace, NMZS.

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Eine Antwort zu Lebensmotto? Tarnkappe. (+ein Nachruf)

  1. mSecond schreibt:

    Die meisten Leute beziehen sich selbst fast nur über und durch andere.
    Was die sagen, was die meinen, wie viel die davon profitieren, was sie denken könnten
    und so weiter.
    Im Grunde dauernd auf der Jagd nach Bestätigung für sich selbst, getarnt mit dem, was man „für andere“ tut.

    Wenn einer was nur aus sich selbst heraus für sich selber macht und sich damit gut fühlt, zählt es aus irgendeinem Grund nicht.
    Denn die anderen sind wichtig. Und nur die anderen.
    Immer die anderen, andere, andere, arriba, andale, andale …! 😀
    Sowas kriegst du grundsätzlich von Leuten zu hören, die nicht merken, dass in dem Moment du aus deren Sicht der andere bist.

    Von daher und meiner Erfahrung nach ist der ominöse andere (oder auch mehrere von denen) stets dann am wichtigsten, wenn er nicht da ist.
    Der Weg des geringsten zu erwartenden Widerstands, wenn’s drum geht, Bestätigung zu erhalten.
    Egal ob beim Alltagsgeplänkel oder beim Lästern, am Arbeitsplatz oder sonstwo, -wann und -warum.

    Auch beim „Helfen-Wollen“: Ich habe in Gesprächen noch keinen Neurotypischen erlebt, der nicht fast sofort versucht, einem einzureden, dass man sich mit der Problematik (und möglichen Lösungsansätzen) ebenfalls über andere zu beziehen hätte:
    – Mach es wie andere, das ist besser!
    – Was glaubst du, was die anderen denken (könnten) …
    – Der andere hat’s ja nur gut gemeint.
    usw.

    Und was man nicht alles zu wollen hat, weil so viele andere es auch wollen, egal ob’s einen selber überfordert bis zum Anschlag.

    Uff. Ein weites Feld, diese anderen.

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