Über ethnische Zuschreibungen und Sarrazins Treppenwitz.


[Kommentar vorweg: Erstens bin ich im unten angesprochenen Gebiet Laie, glaube aber, mir genug angelesen zu haben, darüber referieren zu können. Zweitens werde ich nicht beim oben angesprochenen Thema bleiben, sondern vom einen zum nächsten springen, zwar mit Übergang und im Kontext, aber das Ende des Artikels wird nichts zu tun haben mit seinem Anfang. Drittens werde ich zu unbestimmtem Zeitpunkt nochmal ausführlicher drüber schreiben und evtl auftretende Missverständnisse meinerseits korrigieren.]

 

Oft wirft man mir vor, ich hasste mein  „eigenes“ „Volk“ und wäre ein Rassist gegen Deutsche. Das ist natürlich Schwachsinn. Das ist, als würfe man einem Atheisten vor, Gott zu hassen; das tun zwar sehr viele Fundamentalisten, aber dadurch wird es auch nicht richtiger. Für Atheisten und deren Wohlbefinden spielt die reale Existenz oder Nichtexistenz eines Gottes keine Rolle, wohl aber die reale Präsenz bestimmter Gottesbilder, die man sehr wohl ablehnen und die man sehr wohl bekämpfen kann und auch darf. Und das ist das, was hinter meinem angeblichen „Deutschenhass“ steckt. Die Existenz von Völkern ist nun vollkommen irrelevant; dass aber Menschen deren Existenz als real ansehen und zu einem Politikum machen, oder schlimmer noch, zum zentralen Punkt ihrer Selbstdefinition, ist es nicht, sondern im Gegenteil sehr bedenklich und sollte immer kritisiert und abgelehnt werden.  Immer dann, wenn ein vielleicht sogar zu beobachtender „Volks“charakter als etwas festgeschriebenes verstanden wird, das man durch Geburt erwirbt, statt als den Efffekt einer erzieherischen und gesellschaftlichen Prägung erkannt zu werden, äußern sich die Apologeten von Ethnopluralität und eigentlich jeder Volksideologie in einer Weise, die den Menschen, das Subjekt, zum Sklaven seiner Gene macht, in stumpfem Biologismus mithin, und es wird dann nicht einmal verstanden, wie die genetische Disposition und deren Ausprägung im Verhalten in Wahrheit miteinander wechselwirken. Mithin hat ein Thilo Sarrazin durch seine völlige wissenschaftliche Inkompetenz seine eigenen Thesen über Intelligenz ad absurdum geführt, mithin tut das jeder, der erklärt, der durchschnittliche IQ von Schwarzen in Afrika läge genetisch bedingt um die 70 (was ja schon dadurch völlig absurd wird, dass es hunderte Millionen Menschen mal so per Default zu geistig Behinderten erklärt, die gar nicht in der Lage wären, kreative Leistungen zu erbringen, und die somit auch nicht in einem im Kapitalismus für die Menschenwürde ja so unglaublich wichtigen Arbeitsverhältnis stehen könnten. Dass das absurd ist, zeigt einfache Statistik. Die beschriebene Schlussfolgerung wird dann auch in diesem Zuge oft gezogen und spricht ebenfalls Bände. Dazu kommen noch methodologische Schwächen dieser Studien, die ebenfalls mehr etwas über die Intelligenz der Durchführenden als über die der Untersuchten aussagen: Es werden keinerlei weitere Faktoren für evtl doch auftretende kognitive Beeinträchtigungen genannt, die, selbst wenn die durchschnittliche Intelligenz in armen Regionen niedriger sein sollte, gerade dort sehr präsent sind: Parasitäre Erkrankungen, Hunger, Alkoholismus… Und es wird auch nicht in Betracht gezogen, dass die Prägung je nach Region womöglich völlig unterschiedliche Symboliken implementieren könnte und damit andere Anforderungen an einen gleichwertigen IQ-Test stellt.), mithin tut das jeder, der einem Sozialdarwinismus das Wort redet, in dessen Zuge denjenigen, die angeblich aufgrund ihrer genetischen Determination zum Versagen keinen Fortpflanzungserfolg haben dürfen, sukzessiv auch die Lebensgrundlage entzogen wird; mit all diesen Rechtfertigungsversuchen zeigt sich eben weitaus weniger ein tatsächlicher Zusammenhang und tatsächliche anwendbare Schlussfolgerungen, sondern vielmehr einfach nur die Bestätigung, dass es hier gerade die falschen Leute sind, die über die Bewertung von Menschen nach ihrer Intelligenz urteilen und die das um den Willen ihrer eigenen Glaubwürdigkeit besser unterlassen sollten.
Nun ist in der psychologischen Forschung tatsächlich die Rede von einer Erblichkeit der Intelligenz; dieser Begriff wird aber schlechterdings fast grundsätzlich falsch interpretiert, so sehr vereinfacht, dass es nichts mehr zu tun hat mit der eigentlichen Diskussion. Die Erblichkeit sagt nichts über die tatsächliche Intelligenz eines Individuums aus, sondern den Grad, in dem die Intelligenzunterschiede in einer Gruppe auf die genetische Disposition zurückgehen. Unter exakt gleichen Bedingungen für jedes Individuum wären zwar alle Intelligenzunterschiede (zumindest hypothetisch unter Vernachlässigung aller Abweichungen in den Umweltbedingungen) auf die Gene zurückzuführen, das hieße aber immer noch nicht, dass die Intelligenz in einem beliebigen Alter voll und ganz ererbt ist. Also nichts mit „Alle x teilen ein bestimmtes Gen und das bestimmt einen Faktor n der Intelligenz“. Intelligenz ist nicht einfach da, sondern entsteht aus der Wechselwirkung mit der Umwelt. Nun können Genanlagen tatsächlich mit der Umwelt im Verhalten wechselwirken und umgekehrt; Gene werden blockiert und aktiviert und je nach der Art, wie sie ausgebildet und/oder exprimiert werden, beeinflussen sie das Verhalten unterschiedlich und damit die Art, wie die Umwelt mit dem Individuum interagiert. Die Umwelt wiederum verhält sich nicht determiniert, und so kann das Individuum je nach Interesse oder Desinteresse seiner Umwelt seine Neugierde nur sehr schlecht stillen oder seine nicht allzu präsente Neugier wird von außen geweckt… und die Neugier ist es nunmal, von der aus jede Entwicklung der Intelligenz ausgeht. Damit aber wird die Wechselwirkung zwischen den angeblich doch determinierenden Genen und der Umwelt so kompliziert, dass sich beim Individuum ganz einfach keine Aussage mehr über irgendeine Art von Determination der Fähigkeit treffen lässt.

Zum Abschluss noch dieses: Sicher kann man seine intellektuellen Fähigkeiten trainieren. Nur halt nicht mit sog. Gehirnjogging, das nur die Fähigkeit trainiert, gegebene Aufgaben nach gegebenem Schema zu lösen. Das ist halt keine Intelligenz, sondern nur gut gemachte Arbeit. Die Fähigkeit, Probleme zu lösen, d.h. selbst eine Lösung zu finden, müsste entsprechend auch trainiert werden, indem man selbst Lösungen für Probleme entwickelt; keine Sudokus, sondern viel eher zB seinen Hund zu trainieren und sich für ihn nützliche Aufgaben im Haushalt zu überlegen oder vielleicht auch neue Signalwege für eine Effektkette in einem der flexibleren Multieffekt-Gitarrenpreamps auszuprobieren, oder wenn man noch mehr Geld ausgeben konnte, das auch mit „echten“ Pedalen zu tun.

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