Etwas, das ich nicht kann.


[Den folgenden Text habe ich bereits im Januar 2012 geschrieben, aber ich denke, er ist noch aktuell. Vielleicht würde ich einige Dinge heute anders formulieren. Anyways, in Grundzügen hat sich daran in den eineinviertel Jahren nichts geändert.]

Früher glaubte ich, ich wüsste was Hass ist. Ich war überzeugt, die Menschen zu hassen, denn betrachtet man es genau, haben mich nur wenige meiner eigenen Menschlichkeit entsprechend behandelt. Die aber zeigten mir gegenüber eine enorme Toleranz und Akzeptanz, die manchmal vielleicht doch nicht ganz so angebracht war.

Aber wir alle glauben, wir würden bestimmte Konzepte verstehen, wenn wir noch zu jung und zu unerfahren sind, um sie zu verstehen. Heute weiß ich: Ich habe nie wirklich verstanden, was Hass ist. Ich glaube, ich kann nicht hassen. Ich weiß nicht, warum ich das tun sollte und gegenüber wem ich das empfinden und zeigen sollte.

Sicher, mich machen Menschen wütend. Eigentlich nichtmal sie selbst, sondern vielmehr das, was sie tun, was sie sagen, oder was sie empfinden. Oft genug ist meine Wut ungerechtfertigt, mehr als gut wäre. Aber bei alledem bleibt dennoch eine merkwürdige Liebe oder Zuneigung gegenüber ihren Eigenheiten.

Ich weiß, jeder einzelne dieser Menschen ist ein Individuum, oder vielmehr, ein fühlendes, hoffendes und fürchtendes Wesen, das seinen Frieden mit sich selbst und ein kleines bisschen Bequemlichkeit in einer Welt voller Steine sucht. Ob Menschen Individuen nach dem Wortsinn sind, weiß ich nicht, ich weiß nicht einmal, ob ich selbst unteilbar bin. Psychisch, mental, kognitiv wohlgemerkt, nicht physisch.

Ich weiß, der Welt und all ihren restlichen Bewohnern würde es nichts ausmachen, wenn dieser hässliche beinahe nackte Affe mit den zwei noch hässlicheren Haken im Gesicht plötzlich verschwände, sie würden sich weder freuen noch grämen, es wäre der Welt, dem Universum und dem ganzen Rest ganz einfach egal.

Doch den Menschen selbst macht die Vorstellung, nicht zu existieren, Angst. Ich weiß nicht, warum das so ist, ich weiß aber, dass ich so empfinde. Und ich weiß, dass die anderen so empfinden, kann es zumindest an ihren Aussagen und Handlungen lesen. Und ich kann ihre Handlungen nicht vorhersagen, daher gehe ich davon aus, dass sie tatsächlich handelnde Einheiten sind und nicht einfach nur ein Programm abspielen. Handelnde Einheiten mit Persönlichkeit, mit der Fähigkeit, sich zu entscheiden. Mit der Fähigkeit, Angst zu empfinden und diese Angst zu benennen und zu bearbeiten.

Den Menschen macht die Vorstellung zu leiden Angst. Ich weiß nicht, wie sich Leiden anfühlt. Aber ich weiß, dass ich es vermeiden möchte und die meisten anderen Menschen auch. Wenn ich hasse, möchte ich, dass ein Mitmensch oder eine Gruppe von Mitmenschen leidet. Ich kann so etwas nicht wollen. Ich kann auch nicht verstehen, warum Menschen andere Menschen dazu bringen, zu leiden, wenn sie genau das eben selbst nicht wollen.

Dann ist da die Faulheit. Faulheit ist etwas anderes, denn allein mit Faulheit kann niemand so viel Schaden anrichten wie mit einer bösen Absicht. Ich schlage anderen nicht auf die Fresse weil ich ganz einfach zu faul dazu bin. Oder zu feige, ich weiß es nicht. Doch muss ich sagen, dass ich viel lieber eine stinkfaule Sau bin als jemand, der die Absicht zu quälen hat oder umsetzt.

Und ich kann nicht hassen. Hass ist Energieverschwendung, denn Hass möchte nichts ändern, und wenn, dann nur zum Negativen. Ich weiß nicht, ob man hassen kann ohne wütend zu sein. Ich weiß auch nicht, ob ich jemanden, der sein Kind missbraucht, hassen könnte. Ich kenne einen solchen Menschen nicht. Wenn ich mich aber allein darauf beschränke, diesen Menschen zu hassen, und nicht auf meine Wut über das Geschehen achte, wird es an dem Geschehen nichts ändern. Weder wird das etwas am Empfinden und Erleben des Opfers ändern noch daran, dass Menschen in Zukunft weiterhin missbrauchen. Doch wird der Hass auf den Menschen die Energie beanspruchen, die ich selbst aufwenden kann, für andere, speziell das Opfer, die Situation zu verbessern.

Vielleicht war das ein schlechtes Beispiel. Ich weiß auch nicht, ob ich mit dem „ich“ in der zweiten Hälfte des vorangegangenen Absatzes mich selbst meine.

Aber was ist Misanthropie? Die Menschen hassen, weil sie einander Leid zufügen? Hasst man dann wirklich die Menschen? Hasst man dann wirklich die Menschen? Hasst man dann wirklich die Menschen? Hasst man dann wirklich die Menschen? Die Menschen? Ich kann mir keinen anderen Grund vorstellen, warum jemand zum Misanthropen werden könnte. Umweltzerstörung? Industrielle Fleischproduktion? Menschen, die mir ihre Misanthropie erklären, tun das zuweilen bei McDonald’s. Das ist also weder eine notwendige noch eine hinreichende Begründung. Nehmen sich Misanthropen von ihrem Hass selbst aus? Eigentlich tun sie das nicht. Aber sie möchten nur selten selbst sterben. Ein Logikfehler? Eine kleine Schwäche, die man sich erlaubt, weil Menschen so sind?

Um wieder das Beispiel mit dem Missbrauchstäter aufzuführen: Mir wird oft gesagt, ich wäre täterfixiert. Dabei ist mir eigentlich egal, was mit dem Täter passiert, wichtig ist, zukünftige Taten zu verhindern. Kein Grund, ihn zu töten oder zu foltern, weil es keine Gewalt verhindern kann. Im Gegenteil, Gewalt ist der Humus der Gewalt. Vielmehr sind diejenigen täterfixiert, die stets nach möglichst brutalen Strafen rufen. Das sind diejenigen, die nur nach dem Täter schauen.

Und so schaut auch der Misanthrop nur auf das, was jemand tut, und nicht, was jemandem passiert. Einen Menschen, dem etwas geschieht,  kann man nur schwer hassen. Einen Menschen, der etwas tut, viel eher. Aber es wird eben genausoviel Leid erlitten wie verursacht. Menschen töten, quälen, hassen Menschen. Menschen werden von Menschen getötet, gequält, gehasst.

Aber vielleicht lebe ich selbst zu sehr im Passiv, um das beurteilen zu können.

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