Zeitungsartikel: „XY leidet am Aspergersyndrom.“
Etwas, das mir jemand neulich zweimal ins Gesicht gesagt hat (als Reaktion auf einen anstehenden Diagnosetermin): „Ich wünsche dir nicht, dass du das Syndrom hast.“

Kann ich nicht anders erwarten von meinen Mitmenschen; ein bisschen erinnert mich das aber durchaus an das, was ich aus Artikeln, Dokusendungen und Büchern als „Die Fünfziger/Sechziger/Siebziger Jahre“ kenne und die damalige Sicht auf Homosexualität, oder auch wie auch heute noch bestimmte Phänomene der menschlichen Sexualität (Transsexualität, Asexualität etc.) behandelt werden. Dass man krank ist (war), ist offensichtlich, allein, niemand scheint zu begreifen, worin die Krankheit tatsächlich liegt; das ist nämlich nicht der Zustand, mit dem man geboren wird und mit dem man lebt und in dem man seine Identität findet – was eigentlich jedem klar sein sollte. Natürlich ist es fast niemandem klar (so wie auch Kapitalismus, Autorität, Arbeit niemanden durch ihre schiere Präsenz stutzig machen, sondern allein durch die Art, wie sie sich darstellen, und wäre es nur ein bisschen anders (so wie früher nämlich!), wäre alles viel besser) und es scheint auch niemanden zu interessieren, dass man erst im Lauf der Zeit krank wird. Nicht der Autist ist krank, sondern die Umstände, in denen zu leben er gezwungen ist. Der Unterschied, der angeblich zwischen Autisten und Neurotypischen bestehen soll, dass letztere im Gegensatz zu ersteren zu intuitiver Empathie in der Lage seien, wird durch die Organisation der Gesellschaft, deren Mitglieder ausschließlich effizient sein müssen, ad absurdum geführt; und vielmehr mag es sogar so sein, dass man Empathie eben doch erst erlernen und zwar über den Verstand erlernen muss… denn wirkliche Empathie erfährt man nicht. Niemals. Was andere dafür halten mögen, weiß ich nichtmal, ob sie das tun, aber sie scheinen ernsthaft davon überzeugt zu sein, erschöpft sich in dumpfem „Kopf hoch“, „Wird schon wieder“ und verschiedenen Varianten von „Du musst doch nur mal einfach…“ Aber schon während ich das schreibe, fällt mir auf, dass ich mich der gleichen Dinge schuldig mache; immerhin – ich bin mir dessen bewusst. Und während manche vielleicht an einer Therapie für Autismus forschen, bestehen die Zwänge weiter, verstärken sich, die es einem unmöglich machen, die Belastungen, denen man ausgesetzt ist, selbst zu regulieren und die gleichzeitig den Versuch, die Gegenüber zu verstehen, genauso unmöglich machen.

Die ganze Misere kurz zusammengefasst: Es ist verdammt nochmal keine Krankheit, nur eine Fremdsprache zu sprechen, deren Syntax fundamental von der Sprache dort, wo man gestrandet ist abweicht; aber wenn niemand versucht, deine eigene Sprache zu verstehen und wenn niemand versucht, die wenigen Verbindungen zwischen den Sprachsystemen zu finden, dann ist es nicht deine Schuld, wenn du depressiv, schizophren, persönlichkeitsgestört wirst, und wenn man schon kapitalistische Begrifflichkeiten verwenden müssen, gottverdammt ja, die Neurotypischen schulden dir UNMENGEN! – mit Zinsen. Du müsstest eigentlich gar nicht mehr arbeiten.

 

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