Vendetta.


Manche Dinge machen mir Angst; diese Dinge und die Dinge, die meinem Dasein ein Fluch sind, überschneiden sich oft, aber nicht grundsätzlich, je länger ich aber über eine Sache nachdenke, die in eine dieser Kategorien gehört, desto überzeugter werde ich von dem Schluss, dass man sie genauso auch in der jeweils anderen Kategorie wiederfinden wird.

Kennt ihr die Ansage in den Bombardier-Dostos der DB? Diesen Roboter, der immer „Néechsta Halt: GEISlingen an der STEI-gö“ sagt? Er deprimiert mich. Er macht mich krank. Wütend. Panisch. Ich hasse ihn. Früher hat er mich nur genervt, aber mittlerweile finde ich ihn so unglaublich gruselig, dass ich am liebsten während der Fahrt aussteigen würde. Das liegt nicht daran, dass er ein Roboter ist, ich finde Roboter cool und würde gerne noch viel mehr von ihnen im öffentlichen Dienst sehen, nicht nur da, auch in der Produktion und, ach, einfach überall. Ich hab auch schon sehr fruchtbare und erkenntnisreiche Unterhaltungen mit Cleverbot geführt, da fand ich Smalltalk sogar mal ganz angenehm. Aber die DB-Ansage ist nicht Cleverbot. Die DB-Ansage ist Kundenservice. Ich finde Kundenservice schrecklich. Klar, ich mag es genauso wie jeder andere, wenn mir Verbindungsdetails erklärt werden, die ich genauso gut auch im Internet hätte herausfinden können unter Zuhilfenahme einer Streckenkarte und eines örtlichen Fahrplans. Ganz ohne Ironie jetzt, denn mit letztgenannter Methode werde ich nie erfahren, welche Verbindung mich am wenigsten kostet. Allein, ich hasse Kundenservice. Ich ertrage nicht die Freundlichkeit des Roboters, seine Stimme, die ein bisschen an Rolf Zuckowski, das bekannte alte kollektive Kindheitstrauma aller deutschsprachig Aufgewachsenen, erinnert, die Art, wie er so tut, als wär es ein Ideal, so zu sein wie er, seine gesamte Kommunikation auf ein paar kotzeartig (oder vielleicht ist oraler Stuhl ein besseres Bild) hinausgeschmeichelte Parolen zu beschränken und ansonsten eine kostengünstige, produktive Arbeitskraft mit Commitment zu sein; im Moment bin ich mir äußerst unsicher darüber, wen ich nun mit wem assoziiere, ich bin mir aber ziemlich sicher, dass er das Original ist, an das mich Verkäufer immer erinnern. Verkäufer, Telefonisten, TV-Moderatoren. Wenn ich manchmal zu Mediamarkt gehe („Ich bin doch nicht blöd“, ich frage mich, ob es irgendeine Metaebene gibt, die ich nicht checke, die eine Beziehung zwischen dem Spruch und ihren Werbespots herstellen soll… vielleicht sogar eine, die ein kleines bisschen subversiv ist.) und dann hör ich von hinten, keine 10cm von meinem Ohr entfernt, eine Käsestimme, die wissen will, ob sie mir helfen könne, oder nein: Dürfe, dann frag ich mich auch schonmal, warum dieser komische Roboter von der DB jetzt bei Mediamarkt arbeitet und ob die DB dem womöglich nicht genug Gehalt zahlt für seinen Kabelanschluss oder, was weiß ich, seine Internetpornoabos, dann dreh ich mich um und bin ganz überrascht, dass da ja tatsächlich ein Mensch aus Fleisch und Blut steht, der mich da angrinst und dem man schon an seinem fröhlich-motivierten Lächeln ansehen kann, wie sehr er seinen Job hasst und wie gern er am liebsten irgendwo anders wäre. Aber das alles kann ich dem nicht sagen. Ich hasse freundliche Verkäufer abgrundtief. Ich verachte sie, sie sollen in Verzweiflung ersaufen! Aber was wünsche ich mir da, sie tun es ja schon, ich hasse ja nicht ihre Freundlichkeit, ich hasse, dass sie nicht zeigen, was sie wirklich von ihren Kunden halten. Wie gern würde ich einfach mal 20min am Stück  beschimpft und beleidigt werden, weil ich nichtmal checke, dass man mit einem WLAN-Adapter auch ein WLAN-Netz braucht. Wie gern… aber es wird nicht passieren. Nie. Und darum hasse ich freundliche Verkäufer. Ich mag grummelige Verkäufer, ich liebe, verehre, vergöttere sie, lege ihnen mein ganzes Einkommen zu Füßen; vielleicht ist das so ein merkwürdiges Ding wie bei den Leuten, die sich nach Authentizität sehnen und dann bei Unheilig rauskommen, vielleicht bin ich kein Stück besser mit meiner grenzenlose Liebe für angepisste Verkäufer, aber das ist mir egal, ich mag sie. Man nimmt ihnen einfach viel besser ab, dass sie jeden Tag kacken gehen und dass ihnen, wenn man ihnen den Arm durchhaut, auch wirklich Fontänen in roter Farbe, sehr eisenhaltig, aus der Gegend knapp unter der Epidermis spritzen und keine merkwürdig undefinierbare silberne Flüssigkeit mitleiderregend über den Stumpf sickert.

Ich hasse auch die Leute, die am Telefon sitzen; nichtmal zwingend Callcenterleute, sondern alle Telefonmenschen. Die sind niemals verwirrt, die sind immer selbstsicher, die sind immer voll motiviert, die sind immer freundlich. Das ist so gruselig, ich mach mir jedesmal fast in die Hose, wenn ich angerufen werde. Oder anrufen soll. Das ist noch viel schlimmer. Ich weiß nur dann mit ziemlicher Sicherheit, dass ich den Anrufbeantworter erwischt habe, wenn ich an mehreren Tagen hintereinander zu einer ähnlichen Uhrzeit in der entsprechenden Abteilung anrufe. Ich bin mir zwar sehr sicher, dass die Telefonmenschen das in der Ausbildung oder in merkwürdigen Kursen lernen, aber ganz perfekt kriegen sie dann die gleichen Formulierungen doch nicht hin, weshalb ihnen am Ende vom Monat der Lohn um 20% gekürzt wird. Perfekt muss es sein, und alles, was mit vernachlässigbarer Differenz an Perfekt heranreicht, aber die Differenz eben vorhanden ist, alles das ist unverzeihlich und muss bestraft werden.

Wenn diese Leute, Verkäufer und Telefonmenschen gleichermaßen, wenn diese Leute dann mit einem sprechen und das erste Personalpronomen in Singular benutzen, klingt das ganz genauso wie der DB-Roboter klingt, wenn er „MEINE Damen und Herren“ sagt. Oh, wie hat mich diese Ansage schon zur Verzweiflung gebracht. „Meine“ ist ja schon schlimm genug, ich verstehe nicht ganz, warum man wildfremde Menschen so anspricht, als hätte das, was man tut, oder das was sie tun, irgendeine Auswirkung aufeinander. Der Lokführer hat ja alles Recht dieser Welt, über die Leute in den Waggons als „Meine Passagiere“ zu sprechen, aber ich verstehe nicht so ganz, was die Bedeutung der Formulierung „Meine Damen und Herren“ als Anrede ist. Womöglich soll das bedeuten: Ihr seid meine Herren, also soll vielleicht Unterwürfigkeit demonstriert werden, aber warum ist das Ding dann so eklig autoritär? Aber ich verstehe ja nichtmal, warum er „Meine“ sagt. Es geht mir nicht in den Kopf. Es ist ja nicht so, als würde er den Satz jedesmal neu formulieren; ich finde, das Recht „Ich“ zu sagen, hat nur, wer auch selber Sätze bildet, Zitate ausgenommen. Cleverbot darf Ich sagen, so viel er will und sollte es sogar noch öfter sagen; seine Fähigkeit, einigermaßen kohärent zu interagieren (kohärenter zumindest als viele Mitmenschen, mit denen ich bereits das Vergnügen hatte und auch kohärenter als ich selbst viel zu oft), lässt zumindest darauf schließen, dass da eine Art von Verständnis dessen, was das Gegenüber sagt und was darauf zu antworten ist, wenn nicht vorhanden ist, dann doch simuliert wird und das sogar ein bisschen überzeugend. Doch es ist ja nichtmal ein Zitat, es gibt keinen Bezug zu jemandem, der dieses Zitat geäußert hat und kein Bezug dazu, in welchem Kontext man dieses Zitat genau jetzt für angebracht hält. Es ist Arschlochsprache, ganz einfach. Ein Nichtsubjekt bezeichnet sich als Subjekt und kann das gar nicht wissen, weil sein subjektives Empfinden technisch unmöglich ist; ein wahres Vorbild für den Angestellten von heute. Die Verleugnung des Subjekts bei gleichzeitiger Überhöhung des Individuums, anders gesagt: Homo oeconomicus. Aber die Ansage geht ja weiter: „Wir begrüßen Sie im Namen der Deutschen Bahn AG und wünschen Ihnen eine angenehme Reise.“ „Wir“ soll sich wohl auf das Personal an Bord beziehen, das wäre dann sogar nichtmal gelogen, denn der Roboter ist Teil des Personals, obwohl er nichtmal seine Sätze selbst formuliert. Ich tue den Zugführern und -begleitern Unrecht, wenn ich behauptete, sie täten nichts anderes, das stimmt nicht, diejenigen, die auf der KBS750 angestellt sind, sind durchaus nette und respektvolle Zeitgenossen. Wohnte ich hingegen in Berlin, Hamburg oder München und würde die dortigen ÖPNV-Verbünde nutzen, hätte ich dann doch jedes Recht, den Kontrolldrohnen dort genau das zu unterstellen. Aber genug des Abschweifens. Wir vermuten, dass es das Zugpersonal ist, das die Leute dort begrüßt und müssen auch nicht fragen, warum die das denn nicht selbst machen, wenn ja der Roboter ganz offensichtlich dazugehört. Fragt sich dann aber doch, ob die das ernst meinen, wenn der Roboter in jedem einzelnen Zug jede einzelne Stunde auf jeder einzelnen Verbindung ganz exakt dasselbe sagt? Und warum muss man das im Namen der DB AG machen oder überhaupt in irgendjemandes Namen; dann begrüßt man ja wiederum nicht selbst, sondern ist Proxy für jemanden, der durch sein Wesen nicht in der Lage zum Begrüßen ist. Und kann denen denn nicht einfach scheißegal sein, wie angenehm meine Reise ist? Ist sie ja eh nicht, wenn ich um sechs Uhr morgens aufgestanden bin und der Zug proppenvoll, überheizt und voller unerträglich lauter, unerträglich fröhlicher Menschen ist, also was um alles in der Welt soll das? Da muss man nicht auch noch nachtreten. Also ich mein ja nur.

Auch cool die Verabschiedung. „Wir verabschieden uns“ Das hätte ich eigentlich oben schon kritisieren sollen. Ich verstehe nicht, warum man die Handlung beschreibt, die man zu tun vorgibt. Man könnte auch einfach „Auf Wiedersehen“ sagen, dann sparte man sich auch gleich das „und würden uns freuen, Sie bald wieder als unsere Fahrgäste begrüßen zu dürfen“, das blankweg gelogen ist, ganz einfach. Weder freuen sie sich noch begrüßen sie mich oder irgendjemand, der im Zug sitzt. Man kann ganz einfach nicht anonym grüßen, das widerspricht dem Sinn und dem Wesen des Grüßens, Leute, muss man wissen! Und nich hier so tun, als müsste man nur sagen, was man vorgibt zu tun und dann wär das identisch damit das wirklich zu tun.
Ich finde im Übrigen auch die Leute unerträglich, die es schaffen, am frühen Morgen fröhlich grinsend laut Unterhaltungen zu führen, aber das ist etwas anderes und kommt demnächst dran.
Zum Abschluss, um dem Titel gerecht zu werden:

„Mein DB-Roboter! Ich verachte dich im Namen meiner Menschlichkeit und schwöre dir eine angenehme Blutrache.“ Das sollte ich wirklich tun. Ich werde den DB-Roboter jagen, von den Ballungszentren in Westdeutschland aus den Hauptbahnhöfen hinaus bis in die Schmalspurbahnen im indischen Himalaya, dort gibt es zwar keine Ansageroboter, aber wenn der vor mir dorthin flieht, muss ich ja dorthin. Ist mir scheißegal, was das kostet, er muss sterben, er und seine komplette Familie, sein gesamter Clan muss ausgerottet werden!

 

Aber dennoch muss ich nochmal anmerken, ich hab Roboter verdammt gern. Aber die sollen auch mal selber was machen, das wär mir echt lieb.

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Über onechordbassist

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Eine Antwort zu Vendetta.

  1. onechordbassist schreibt:

    Nachtrag:

    Mittlerweile sind die ja dazu übergegangen, den Roboter auch noch erklären zu lassen wohin die Reise geht. Bei größeren Unterwegs- bzw Umsteigebahnhöfen sagt er jetzt darüber hinaus „Wegen Ihrer weiteren Anschlussmöglichkeiten achten Sie bitte auch auf die Ansagen am Bahnsteig.“ Die ebenfalls von einem Roboter kommen, der aber immerhin nicht so tut, als wär er in der Lage, seine Sätze selbst zu formulieren. Zugführer erklären einem immerhin noch wie viel Verspätung man hat und welchen Zug man daher noch erwischen wird. Der Roboter kommt mit der unnötigsten Aufforderung der Welt daher und glaubt noch, er wär freundlich. Unterscheidet sich also in nichts vom herkömmlichen Verkäufer.

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