Kleine Gedanken.


Ich finde, wann immer irgendjemand das Wort „perfekt“ benutzt, sollte ein alles zerstörender Shitstorm erscheinen, man sollte ihn als den dreisten, unverschämten Lügner beschimpfen, der er auch ist.

Umso mehr, wann immer irgendjemand einem lebenden Wesen Perfektion unterstellt, wann immer jemand Evolution als ein Streben nach Perfektion auffasst (und sogar noch mehr, wenn das in verklausulierter Form geschieht!).

Auch, wenn jemand das Wort als Synonym für „überaus gut“ verwendet, und gerade dann. Man sollte Wörter nicht in ihrer falschen Bedeutung verwenden, zumal keine, an denen so viel Blut und Därme kleben (siehe auch: Ehre).

Bereits die Möglichkeit von perfekten Dingen ist jeder Emanzipation entgegengestellt; also die Möglichkeit, dass Prozesse jemals zu einem Abschluss kommen. Zwar sind perfekte Dinge tatsächlich möglich, das wird sich aber niemand wünschen, der bei Sinnen ist; ich selbst fände es zwar ausgesprochen interessant, den Wärmetod des Universums selbst zu beobachten, aber selbst wenn meine eigene körperliche Integrität erhalten bliebe, was würde ich in der ganzen Zeit tun?

Niemand, der ernsthafte emanzipatorische Interessen hat, kann irgendetwas als statisch ansehen. Weder statisch in der Zeit noch statisch in der Struktur. Die Trennung zwischen mächtigen Oligarchen und dem unterdrückten Volk ist kontraemanzipatorisch! Sie verschleiert den millionenfach verzweigten Fluss von Macht, der durch alle Beziehungen auf allen Ebenen fließt: So ziemlich das einzige, was wir je von unseren Eltern lernen, ist der Autorität zu vertrauen, die wissen was gut ist für uns! Wer aber das nie hinterfragt, und wer auf bedingungsloser Loyalität zur Familie, Religion, „Nation“ (was auch immer das nun wieder sein soll…) beharrt, sollte besser von denen da oben schweigen.

Der Begriff des Perfekten passt sich auch ziemlich gut in dieses Prinzip ein, auch, weil sich seine verfälschte Bedeutung „überaus gut“ etabliert hat, weniger aber seine (zunächst wertfreie) Bedeutung „vollkommen“. Wenn man aber erst einmal das Vollkommene akzeptiert, findet man es plötzlich an allerlei verschiedenen Stellen, von denen es nicht ferner sein könnte. Ich finde es pervers, irgendwelche Organe als perfekt zu bezeichnen (mein Magen sagt da was anderes, und zwar fast jeden Morgen in meine Kloschüssel, und richtig dumm wird es, wenn man nen Bandscheibenvorfall hat und das dann immer noch sagt), es ist ja auch nicht so, dass da keine Ideologie dahintersteckt! Perfekt heißt: Bis hier und nicht weiter. Es schwingt auch irgendwo mit, dass es schon immer so war: Wenn etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt perfekt war, lässt sich der letzte Zeitpunkt, an dem es das nicht war, beliebig weit, bis ins Unendliche zurückdatieren. Schlimmer noch: Nach dieser Ansicht sind die heute lebenden Formen perfekt, deren Vorfahren jedoch nicht! Da aber alle Vorfahren in ihrer Zeit äquivalent fit gewesen sein mussten(ansonsten wären sie keine Vorfahren geworden), kann man eigentlich gleich sagen, dass es gar keine Vorfahren gab.

Und jetzt sehen wir auch, warum die Idee der Perfektion (auch und gerade bei Boulevardfernsehdokus zu welchem Tier auch immer) so gut geeignet ist, jeden Status Quo zu untermauern und alle Machtstrukturen zu rechtfertigen.

Ich weiß aber selbst, dass ich eines Tages den perfekten Verstand bekommen werde. An diesem Tag sitzen dann meine Freunde um mich herum und weinen ganz bitterlich, und drei Tage später liege ich in einem Bett mit Deckel in einem gekühlten Raum mit Stühlen und Pfarrer drin.

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