Wenn einer den Zug nimmt. Eine Betrachtung.


Triggerwarnung:
Dieser Text handelt von Suizid und dessen Bedeutung in der Gesellschaft. Sollte dieses Thema für dich belastend sein, lies ihn bitte nicht.

 

 

Es ist ja nicht pervers, sich zu wünschen, der unvermeidliche Tod eines geliebten Menschen passierte zu einem bestimmten Zeitpunkt unter bestimmten Umständen. Und ich sehe es auch nicht als pervers an, sich zu wünschen, der unvermeidliche Tod irgendeines fremden Menschen würde dann passieren, wenn man dabei ist. Soll heißen: So viele Suizide lassen sich verhindern. Dass aber überhaupt Suizide passieren nicht. Sie passieren, und man darf sagen, ich möchte in diesem Zug sitzen, der plötzlich einen Menschen mitnimmt, der nicht am Bahnhof einstieg.

Die Menschen im Zug werden reagieren: Sie werden wütend sein, was muss der ausgerechnet vor meinem Zug, ich komm zu spät zur Arbeit, wie schrecklich! Nicht der Tod eines verzweifelten Menschen ist dann schrecklich, sondern dass man eine Dreiviertelstunde später anstempeln muss. Die Frage: Warum ausgerechnet vor meinem Zug? beantwortet sich doch von selbst: Eben weil es dein Zug ist. Du sollst dir Gedanken machen. Andere suchen sich einen See im Wald mitten im Winter. Dieser Mensch nahm den Zug, und das hatte seinen Grund. Der Grund sind alle, die sich über ihn aufregen, die ihn als rücksichtslos und egoistisch beschimpfen und nicht merken wie viel der Tote ihnen damit klargemacht hat. Aber die, die es sofort verstehen, die hat er wohl nicht gemeint. In der Reaktion der Empörten, der Wütenden, der verschämten Zuspätkommer zeigt sich, wie perfide die Zwänge funktionieren, die diesen Menschen vor die Lok getrieben haben, dass sie selbst nach seinem Tod noch ihn verdammen und dass die, die das tun, wiederum selbst Opfer dieser Zwänge werden, dieser nichtzuhinterfragenden Zwänge, deren Verweigerung als Frechheit und vor denen zu fliehen als Feigheit, Egoismus und Rücksichtslosigkeit gilt. Aber nicht die Zwänge gelten als ein inhärenter Fehler, als das eigentlich Widerwärtige, sondern diejenigen, die unter ihnen nicht bestehen können. Dann verleumdet man sie und behauptet, der Mensch, in den sie verliebt waren, hätte nein! gesagt, und hier ist es wieder das NEIN!, dem die Schuld gegeben wird oder dem Menschen, der NEIN! sagt, es gibt kein NEIN!, das NEIN! ist ein teuflisches Wort, man hat es nicht zu äußern und das so lange bis das allerletzte NEIN! doch noch rausgebrüllt werden muss als ein spritzender, explodierender Sack Fleisch auf einer wichtigen Ader der Infrastruktur über Lande.

Und deshalb möchte ich dabei sein, wenn am frühen Morgen jemand sich für meinen Zug entscheidet. Um diese Worte den empörten Arbeitsmoralaposteln ins Gesicht zu kotzen bis sie weinen.

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Über onechordbassist

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