Ich hasse Kunst, es sei denn, sie ist ätzend.


Neulich hatte ich eine Unterhaltung, eine sehr angeregte, aber deprimierende Unterhaltung über das Wesen der Kunst, die Bedeutung des Menschen, die Beziehung des Menschen zur Kunst.

Wir waren uns einig darin, dass Leben für sich keinen Sinn hat, und dass der Sinn erst aus der eigenen Sinnfrage heraus kommen kann. Mein Gegenüber meinte, der einzige Sinn läge in der Kunst, Kunst sei das einzig heilige, während ich der Ansicht war, ein Sinn müsse in andern bestehen, der Erkenntnis, dass auch deren Leben Leid ist und auch das eigene Leid nur dann weniger werden kann, wenn man aktiv erkennt, wo es stattfindet, und aktiv versucht, es zu reduzieren, jedenfalls soweit es einem selbst möglich ist. Die Entgegnung war nun, dass das ja die Kunst macht.

Eine sehr grausame und noch viel falschere Aussage, und das aus mehreren Gründen. Denn nicht nur, dass die Kunst allein gar nichts machen kann, sondern nur die Reflexion der sog „Kunst“, die ja auch nie definiert wurde (die Kunst nämlich) und kein Mensch auch nur annähernd sagen kann, was sie ist, und noch weniger sind dazu die in der Lage, die sich ständig auf sie berufen. Diese Ansicht macht aus dreierlei Gründen alles noch viel schlimmer: Denn erstens, wenn die Kunst als einzige oder auch nur überwiegend dazu in der Lage ist, dann hat der Versuch, gesellschaftliche Strukturen zu verstehen und auf sie zu wirken, überhaupt keinen Einfluss auf irgendwas, ist sogar falsch, damit wäre alles, was man je versucht, an seiner Situation zu ändern, sogar dumm. Nicht nur das, die Aussage bedeutet auch Eskapismus; ich kann nichts ändern, also Abmarsch in die Traumwelt, wo die Menschen sich nach meinen Einfäll(t)en richten müssen, obs ihnen passt oder nicht. Chance verpasst? Scheißegal, ich hab meine Phantasie. Drittens ist es auch grundfalsch: Denn es gibt auch Kunst, die zwar den Anspruch erheben mag, aber in Wirklichkeit ihm zuwider steht, das ist jede Kunst, die mit einer Idylle arbeitet, das heißt, sie entweder beschreibt oder sie heraufbeschwört. Idylle, das ist ein unterkomplexer Raum, in dem Rollen fest vorgegeben sind, der statisch ist und der klare Grenzen hat, und der außerdem ein Ideal darstellt, also als positiv bewertet wird. Ich halte es für sehr gefährlich, Unterkomplexität zu idealisieren – weswegen ich mich auch derzeit nicht und wahrscheinlich nie zum Nahostkonflikt äußern werde: Für mich zu komplex zu begreifen, und vielleicht auch für alle, die nicht dort aufgewachsen sind. Aber ich schweife ab.
Gefährlich ist die Idylle aus diesen Gründen: Erstens, wenn Komplexität reduziert wird, dann ist irgendwann ein Punkt erreicht, an dem sie so sehr reduziert ist, dass die Beschreibung falsch ist. Würde ich von der befreiten Gesellschaft erzählen und sagen, dass es in ihr keine Konflikte mehr geben wird, dann mache ich eine Idylle aus ihr, genau das, was sie nicht sein darf, denn auch sie ist komplex, muss das sein, um sich selbst gerecht zu werden. Das ist aber genau das, was reaktionäre Gesellschaftsmodelle beinahe grundsätzlich machen. Sie lassen wichtige Beziehungen zwischen ihren Mitgliedern unter den Tisch fallen, um eine Identität zu schaffen, das ganze Volk wird von derselben Idee gehabt. Eng damit hängt auch zusammen, dass Idyllen statisch sind. Sie sind ein Endpunkt von irgendetwas, und sei es ein Endpunkt gar keiner Entwicklung. Sie negieren die Prozesshaftigkeit der Gesellschaft, die Prozesshaftigkeit des Individuums und zuletzt auch die Prozesshaftigkeit der Kunst, erstarren zu einer Pose und zu Kitsch, oder einem Klischee. Und sie geben Rollen vor: Du selbst hast gar nicht mehr die Möglichkeit, dich außerhalb deiner dir aufgeborenen Position zu bewegen, denn das würde das sogenannte Gleichgewicht stören. (Dass dieses Gleichgewicht nie existiert hat, und zwar nirgends, da nicht für, aber… egal.) Das ganze wird dann als schön etikettiert und die ganze Einöde mit ihrer intrinsischen Gewalt, dem gegenseitigen Ausbluten und dem Hass auf das nicht Rollenkonforme. Und deshalb lehne ich es ab, den Sinn des Lebens in Ästhetik zu suchen.
Und nicht zuletzt, wie viele sagen von sich, das, was ich da mache, ist Kunst, und man hat sie zu respektieren, dann schaut man sich die Inhalte an, und es ist Rassismus, Sexismus, die nicht kritisiert werden dürfen, weil es eine künstlerische Aussage ist, aber ist Angst, ist Resignation, ist Rechtfertigung auch eine künstlerische Aussage? Und nein, ich beziehe mich hier nicht auf die ewig gleichen idiotischen Diskussionen um irgendwelche populären Metalbands, ich beziehe mich auf sogenannte ästhetische Kunst, die unser Erleben prägt, unser Handeln, nunja, auf Kitsch. Rassismus zB ist in den wenigsten Fällen politisch, genauso wie Sexismus, und das schlimme ist ja gerade, dass er es eben nicht ist, denn Politik ist immer auch das Überdenken der Positionen, auf die man sich bezieht, und Sexismus, Rassismus, so er nicht politisch thematisiert wird, ist fest, wird nicht reflektiert, er ist einfach so. (Auch interessant ist diese Formulierung: „Ist einfach so“ heißt eigentlich nichts anderes als „Hab noch nie drüber nachgedacht, aber alle sagens, dann muss es ja stimmen.“)

Und ich bleibe dabei: Resignation heißt Rechtfertigung, und ein deutliches Nein zu den Verhältnissen nicht zu äußern ist ein undeutliches Ja, aber ein Ja, das immer als Ja verstanden wird.

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