Perfekt (1).


Eigentlich wollte ich einen Artikel zu den Missverständnissen über den Darwinismus schreiben, doch während ich mir diesen zurechtlegte, kam ich immer wieder auf die Idee der Perfektion zurück und deren Verhältnis zu anderen Begriffen wie „ideal“ oder „am besten“ oder „hervorragend“.

Ich finde es sehr faszinierend, dass das Wort „perfekt“ auf Menschen eine derart große Anziehung ausübt. Ich frage mich, was es damit auf sich hat. Um einer Antwort näherzukommen, die mich befriedigen mag, möchte ich in diesem bzw. den folgenden Artikeln ein bisschen versuchen, den Begriff zu erklären, d.h. was er bedeutet und welche Konsequenzen er hätte.

Neulich kam während der Berufsschulpause ein Arbeitskollege, nein, eigentlich kamen zwei Arbeitskollegen auf mich zu und fragten mich, was wohl der Unterschied zwischen hervorragend und perfekt wäre. Ich stutzte, weil es für mich eigentlich unmöglich ist, so eine Frage ernsthaft zu stellen. Ich war auch dementsprechend brüskiert und sagte etwas in der Art „Also wenn du das nicht weißt, dann ist dir auch nicht mehr zu helfen.“ Aber dann kam mir der Gedanke, das ist eigentlich ein sehr populärer Denkfehler, das erklärst du jetzt dann besser doch. Ich versuchte dann das „hervorragend“ wörtlich herzuleiten, bemühte ein Gebirge von verschiedengroßen Bergen, in dem es einen gab, der deutlich größer war als die andern: Dieser ist hervorragend. Auf die darauffolgende Frage war ich aber wirklich nicht gefasst und dementsprechend entsetzt: „Und ein perfekter Berg wäre dann einer, der noch viel höher ist.“ NEIN! NEIN! NEIN! NEIN! Zu diesem Zeitpunkt hatte ich leider keine Idee, wie ein perfekter Berg aussehen könnte und versuchte, „perfekt“ im Bezug auf das Universum zu erklären, mit Bezug zur Entropie usw.

Mir kam dann aber doch ein Gedanke: Ein perfekter Berg, das ist: keiner. Ein perfekter Berg ist kein Berg. Wie komme ich darauf? Nun, das ist eigentlich ganz einfach: „Perfekt“ beschreibt entweder einen Minimal- oder einen Maximalzustand. Minimalzustand heißt in diesem Fall sehr nahe null, also fast gleich null, mit einer zu vernachlässigenden Differenz. Maximalzustand bedeutet hier: Sehr nahe unendlich, also fast gleich unendlich, mit einer zu vernachlässigenden Differenz. Mithin also eine Singularität. Das ist ein Listenpunkt – was ist die letzte natürliche Zahl vor unendlich? Es gibt sie nicht.

Wir können diesen Gedanken aber auch anders angehen: Wir geben dem Berg „Werte“ zwischen 0 und unendlich: Ein Berg mit „Bergwert“ 0 ist ein perfekt flaches Land ohne Erhebung. Je größer der Berg wird, also: Je bergähnlicher, desto mehr steigt sein „Bergwert“. Ein großer Berg wird eher zum Berg erklärt als ein kleiner; den nennen wir dann „Hügel“ oder „Erhebung“, oder, wenn er ganz klein ist, „Buckel“, „Hubbel“ oder ähnlich.

Das ist also die eine Möglichkeit für einen Berg, perfekt zu sein: Nämlich einen Nullwert als Berg zu haben. Doch damit wäre er keiner mehr.  Was wäre aber ein perfekter Berg mit Wert >0? Ganz sicher kein Berg mit endlichem Bergwert, denn denkbar wäre immer noch einer mit höherem Bergwert, also einer, der (auch wenn „perfekt“ nicht steigerbar sein kann) noch perfekter ist. Dann wäre ein perfekter Berg einer mit „Bergwert unendlich“. Ein Berg könnte definiert werden als etwas, das groß und steinern ist. Steinern ist wiederum eine eigentlich nicht steigerbare Eigenschaft, etwas, das aus Steinen besteht, kann nicht noch mehr aus Steinen bestehen – jedoch aus mehr Steinen (Hallo spitzfindiger Grammatikpornograph!).  Also: Größer. Der Berg müsste also unendlich groß sein. „Berg“ ist aber definiert durch die Umgebung, die „Nichtberg“ ist. Wenn der Berg aber unendlich groß ist, wo könnte dann „Nichtberg“ sein, bzw. wie ist das „Nichtberg“ beschaffen, dass es einen unendlich großen Berg umgeben könnte? Es ist ganz einfach nicht denkbar bzw. auch nur logisch herleitbar – hier ist wieder eine Singularität. (Wobei sich dann freilich doch die Frage stellt, was denn der „Perfekte Nichtberg“ wäre: Nullberg oder perfekter Negativberg, also Berg mit „Bergwert“ Minus unendlich.)

Wir neigen dazu zu glauben, perfekt bezeichne etwas sehr Gutes, etwas, über dem es nichts Besseres gibt. Doch perfekt bedeutet zunächst nur eins: Abgeschlossen, vollkommen. Also ein Punkt, an dem keine Entwicklung, keine Veränderung mehr möglich ist. Nun ist aber Sein durch Veränderung definiert: Leben heißt zunächst einmal Stoffwechsel, also Energiefluss (nicht im esoterischen Sinn bitte!). Das ist schon per Definition Veränderung. Wir neigen dazu, Lebewesen für perfekt zu halten: Im Fernsehen findet man selten eine Naturdokumentation, die zumindest das wenigste Maß an Niveau hätte, auf die Beschreibung eines Hais, eines Löwen, eines Schwertwals als „die perfekte Killermaschine“ zu verzichten. Wenn das das ist, was die Leute für Wissen halten, dann muss man sich über Kreationismus auch wirklich nicht mehr wundern: Wenn jede Beschreibung der darwinschen Prozesse das Wort „perfekt“ gebraucht (missbraucht), dann ist es nur naheliegend, dass die Menschen es bald glauben. Dabei besteht doch das Faszinierende am Darwinismus gerade darin, dass Lebewesen nicht perfekt sind. Nie. Es ist ihnen nicht einmal möglich, denn ein perfektes Lebewesen stirbt aus. Wenn es sowas wie relative Perfektion gibt, dann besteht sie für ein paar Augenblicke, bis sich die Bedingungen so sehr verändert haben, dass das Lebewesen nicht mehr darin existieren kann. Aber nein, eigentlich ist es gerade die Nichtperfektion, die Lebewesen zu den komplexen, vielfältigen Dingen macht, die sie sind. Näheres dazu aber in meinem Eintrag „Misconceptions on Darwinism“.

Nun ist es ja nicht so, dass Singularitäten nicht tatsächlich existierten bzw. nicht existieren könnten, daher möchte ich auch nicht die Frage stellen, ob etwas perfektes tatsächlich in der Natur existieren kann – jedoch ob etwas perfektes tatsächlich in der menschlichen Vorstellungswelt gezeichnet werden kann, das heißt, ob es sinnvoll ist, den Begriff überhaupt zu verwenden.

PS: Angeregt durch die Bücher von Martin Büsser beginne ich derzeit über Beständigkeit nachzudenken; warum Beständigkeit als Wert gehalten wird und warum wir zwanghaft Dinge bewahren möchten… mich selbst eingeschlossen. Coming soon.

Advertisements

Über onechordbassist

disrespect my authority
Dieser Beitrag wurde unter In love with Darwin, Kritik., Nerdiger Sheisz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s