Shit people next door say.


Eigentlich habe ich sehr wenig aggressive Impulse. Meistens keine. Doch manchmal kommen diese Momente, wenn Menschen Dinge sagen, in denen ist Wut nicht mehr das Wort, das die Sache wirklich trifft. Denn sie sagen wirklich seltsame Dinge. Dinge, die sie nicht ernst meinen können.

Nach mancher Leute Ansicht sollen wir dankbar sein für ein Zwangsverhältnis, an dessen Bedingungen wir nicht einmal etwas ändern können. Wir sollen voller Elan aufstehen, wenn unser Körper noch ein paar Stunden schlafen möchte und das eigentlich auch sollte, um dann in diesem Zwangsverhältnis 150% zu geben, obwohl schon biologisch, psychologisch oder medizinisch nur 70 möglich sind… aber wenn wir letzteres zugeben, nimmt man uns das Recht, annehmlich zu leben. Den Kaffee sollte man möglichst weglassen, denn der ist ein Stressfaktor und die sind zu reduzieren. Manche Leute sagen, manche Leute müsse man eben zu ihrem Glück zwingen – und dieses Glück besteht darin, mit Schmerzen im Kopf, im Rücken, im Bauch, im Herzen, in den Knien und leer von jedem Gedanken, dafür überreizt und erschöpft, nach Hause zu kommen und nichts mehr wissen zu wollen von irgendwelchen Fragen, die zu stellen aber wichtig wäre… zu erschöpft, um sinnvolle Dinge zu tun; wenn wir die Ameisen im Winter am Schlafen hindern würden, vielleicht würden sie dann was nützliches erfinden, und bestimmt hatte auch diese Idee schon irgendjemand. Wir sollen froh sein, Arbeit zu haben, nicht: Etwas zu tun, sondern: Arbeit zu haben. Nicht wir arbeiten, sondern wir haben eine Arbeit, oder vielmehr: Die Arbeit hat uns. Also dankbar dafür, besessen zu werden, mit dem Zweck zu besitzen. Wenn ein Objekt auf Objekte zielt, wird es dadurch nur grammatikalisch zum Subjekt.

Wenn wir diploide Gonosomen haben, sind wir selbst schuld, denn wir hätten uns nicht anziehen müssen wie eine Nutte – wer sich in die Gesellschaft begibt, kommt darin um: Die totale Negation des Menschen. Auch dadurch, dass die Verantwortung vom Täter auf das Opfer übertragen wird… und so wäre jede Gewalttat der mangelnden Vorsorge des Opfers zuzuschreiben. Jeder Raub, jeder Mord, jeder Missbrauch, jeder Genozid, jede politische oder religiöse Verfolgung: Das erste hätte man verhindern können, führte man nur ein genügend langes Messer mit sich, das zweite, hätte man den Täter nicht beleidigt, das dritte, würde man nur früh genug Nein sagen, das vierte, wäre man nur früh genug weggezogen, die beiden letzten, würde man nur die Wahrheit der Überzeugung aller anerkennen, seine Sünden bereuen und fortan das gläubigste aller Schafe unter der Sonne sein.

Und dieselben Menschen plädieren für die Todesstrafe. Ich verstehe selbst nicht, wo da ein Zusammenhang besteht. Aber das ist auch nicht so wichtig.

Überhaupt, wir sind an allem selbst schuld: An unserem Scheitern – das wiederum selbst die schlimmste Schuld ist, an unserer Armut, an unseren Krankheiten, an all unserem Unglück. Doch die Gruppe der Identifikation, die ist es nie. Es sind die anderen Länder, die das jeweils eigene ausbeuten. Freiheit der Nation, doch nicht die des Individuums. Die besteht lediglich darin, erfolgreich zu sein – die andern von der Brücke schmeißen, weil sie dumm im Weg rumstehn, that is – oder alternativ zu versagen: Ein Versager zu sein. Wer scheitert, scheitert nicht, sondern ist ein Versager. Da noch zu fragen, wie Menschen der Esoterik anheimfallen können, ist zynisch; denn es ist dieselbe Logik, dasselbe erlernte Verhalten: Du bist selbst schuld und frag nicht so blöd.

Überhaupt, Esoterik: Die Menschen verinnerlichen die Dinge weiter oben, und sie spüren, dass etwas nicht stimmt. Ein vages Gefühl, und da man das Fragenstellen verlernt hat, nimmt man nur zu gern jeden Scheiß an, der sich irgendwie als kritisch bezeichnet und bevorzugt solchen, der es nicht ist, sondern reaktionär, und der nur zu gern wieder die alte „natürliche“, that is: „gottgewollte“ Ordnung wiederhätte. Der gute Geist, das heilige Prinzip, das Universum, bei dem man bestellen kann… das hört sich zunächst sehr wohltuend an. Und am Ende ist man gefangen in einem Geflecht von Schuld und Schuldzuweisungen, droht Zweiflern mit Gewalt, um ihnen zu beweisen, dass man durch die Esoterik ein sehr friedlicher und sanftmütiger Mensch geworden ist, was sie (die Zweifler) ja nicht sind. Vielleicht wird man auch zum Infokrieger und verhält sich genauso. Man erzählt etwas von der Weltverschwörung, glaubt vielleicht sogar ernsthaft, damit irgendjemandes Willen zur Selbstbefreiung zu wecken, doch eigentlich untermauern sie nur die Hilflosigkeit derer, die den Scheiß auch noch glauben… denn in so vielen Fällen ist dabei auch immer das Verlangen nach einer Autorität, dem starken Mann (sic! – Mann!), der alles wieder richtet.

Manche werden auch zu Misanthropen, weil die Menschen dumm sind. Blinzelsmilie.

Und das alles sind nicht nur Menschen, denen wir irgendwo begegnen, in Internetforen, in einem zufälligen Kneipengespräch, bei einer Party eines gemeinsamen Freundes… nein, schlimmer: Es sind unsere besten Freunde, unsere Familien, Menschen, mit denen wir täglich zu tun haben. Woher so viel Verbitterung kommt? Ich weiß es nicht. Man glaubt, „solche“ Menschen kenne man nicht, und jemand outet sich, wird dann zum Fremden, auch wenn man diesen Menschen seit Jahrzehnten kennt.

Nein, wer sich in Gesellschaft begibt, kommt nicht darin um. Doch anstrengend, wie sie ist, ist sie ein Mörder.

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