Die Sache mit der Natur, dem Sex und dem ganzen Rest.


„Ich bin halt $Geschlecht, wir sind halt so gemacht“

„Das ist in der Natur auch so, guck dir doch mal $Tier an, da ist das $Geschlecht auch so drauf, dass $stereotypes_kaum_realistisches_Verhalten“, und indes ist das als Beispiel herangeführte Tier meistens ein langweiliger Löwe oder so ein blöder Aff, die zwar beide zweifellos ÜBERHAUPT ERST als Vergleich von Sozialverhalten herhalten können weil a) Säugetiere und b) in komplexen Sozialverbänden lebend (über das blöde Geschwätz von Alphawölfen könnt ich mich indes an anderer Stelle auch gern mal aufregen), aber die man halt auch nur aus der grottenmies übersetzten und noch grottenmieser synchronisierten National Geographic-Doku auf ntv kennt und über die mal was zu lesen schon wieder viel zu viel Anstrengung wär und die als Verhaltensmodelle eigentlich schon längst erschöpft sind bla bla bla you get my drift.

In alldem wird aber eine Frage erstmal komplett vergessen, wahrscheinlich weil man sich so damit eingefunden hat, dass man überhaupt nicht versteht, dass man sie stellen kann: Was bedeutet Geschlecht eigentlich überhaupt biologisch?

Und das ist eine eigentlich sehr sehr einfach zu beantwortende, aber eben keine triviale und schon gar nicht rhetorische Frage. Denn vor langer, langer Zeit gab es ja gar keine sexuelle Fortpflanzung. Heute noch paaren sich Bakterien nicht. Zumindest nicht zur Fortpflanzung. Und da kann man ansetzen und fragen: Warum eigentlich überhaupt Paarung? Warum vereinigen Lebewesen überhaupt ihre Gene? Warum tun es Bakterien, aber induzieren danach nicht notwendig eine Teilung?

Dazu muss man, bevor man die Mythen um Sexualität in der riesigen Ökosphäre aufklärt, erstmal einen anderen Mythos aus der Welt schaffen, nämlich den, dass das Individuum irgendwelche Relevanz für die… naja, was eigentlich?… hat. Klar, Leben hat keinen Zweck. Es ist einfach. Es ist sein eigener Zweck und dabei nichtmal ein Zustand, sondern ein Prozess. Der Prozess ist aufs Wesentliche zurückgestutzt das Tragen und Übertragen von Information. Die Information wird kopiert und dann von einer etwas größeren Zahl von Datenträgern gespeichert und verarbeitet. Das nennt man Fortpflanzung. Und das ist ja auch gar keine allzu überraschende, rätselhafte Sache: Alle Moleküle müssen zerfallen. Wenn ein Molekül sich aus umliegenden Rohstoffen selbst replizieren kann, ist es wahrscheinlicher, dass die Information dieser Struktur nicht verloren geht. Und das ist im ganz großen Stil das, was die Bakterien machen, wenn sie sich teilen, das ist das, was eukaryotische Zellen während der Mitose machen, das ist, was mehrzellige Wesen in ihren seltsamen Prozeduren von Eibildung, Vereinigung und Embryogenese machen. Es ist ja nichtmal so, dass irgendeine Instanz beschließt, dass Information nicht verloren gehen darf (woher sollte diese Instanz auch irgendwas beschließen können wenn das Konzept von Information noch gar nicht existiert – natürlich auch falsch, denn alle physikalischen Prozesse sind Informationsträger, aber fürs bessere Verständnis lass ichs so), nein, vielmehr ist Leben tautologisch: Es existiert, weil ein Ding mit der Fähigkeit zum Selbsterhalt eine höhere Existenzchance zu jedem beliebigen Zeitpunkt hat als ein Ding ohne die Fähigkeit zum Selbsterhalt.

Nun könnte man sich ja vorstellen, dass eine Population von Lebewesen auf einmal einer widrigen Umwelt begegnet, die sie fast komplett aussterben lässt. Und das passiert ja auch. Und dann gibt es in einer Population ein paar Individuen, die eine ganz seltsame Fähigkeit besitzen: Sie können ihr eigenes Genmaterial auf andere Individuen der Population übertragen. Oder sie können das Genmaterial anderer Individuen bei sich selbst aufnehmen. Und irgendwelche Individuen in dieser Population produzieren Enzyme, die sie gegen diese neuen widrigen Umwelteinflüsse schützen. Zufallsmutation. Passiert ständig, und manchmal ist es eine, die nicht einfach den Code unterbricht.* Diese Individuen überleben natürlich die präsente Katastrophe und pflanzen sich danach weiter fort. Nun hat ein Individuum, das von andern Individuen eben solche immunisierenden Gene aufnehmen kann, eine höhere Überlebenschance, und so etablierte sich die Nützlichkeit von Gentransfer. Konjugation ist aber bei Bakterien immer noch komplett von Fortpflanzung gelöst, und deshalb…

…kommt jetzt massiver Schritt zu sexuellen Lebewesen. Auch einige einzellige Eukaryoten trennen Gentransfer von Fortpflanzung, aber das ist hier irrelevant, das hab ich ja weiter oben schon beschrieben. Nun weiß wirklich niemand welchen Vorteil es hat, Gentransfer und Fortpflanzung in den selben Prozess zu kombinieren, und so in Reinform gibt es auch das nur im Tierreich und selbst da nicht überall. Und JETZT, endlich, kann ich auch endlich dazu kommen, was Sexualität eigentlich ist. Sexualität kommt nur in solchen Lebewesen vor, die mindestens diploid sind, also mindestens zwei verschiedene Chromosomensätze besitzen. Sexualität nennt man den Prozess, der diese Chromosomensätze rekombiniert. Das ist eigentlich auch schon alles.

Ich hoffe ich konnte die Fragen dazu klären…

 

 

…MOOOOOMENT! Ich hab ja eigentlich erstmal nur in einem Satz ne ganz ganz grundlegende, reduzierte Definition geliefert. Ich hab aber noch gar nicht die wichtige Frage beantwortet: Was machen sexuelle Wesen eigentlich? Ja, ficken, is klar. Aber WAS IST FICKEN UND WAS PASSIERT DABEI.

Also. Ich hab ja schon erwähnt, dass sexuelle Lebewesen allesamt mindestens diploid sind bzw geradzahlige Chromosomensätze besitzen. Das hat einen einfachen Grund. Es gibt nämlich zwei verschiedene Fortpflanzungsmodi, die zu zwei „Ausdrucksformen“ dieser Wesen führen: Die erste sind diploide oder geradzahlig polyploide Soma-, also Körperzellen. Das ist das „Grundstadium“. Diese Zelle kann weitere diploide Zellen bilden durch Mitose. Ohne auf Details einzugehen: Mitose ist eine Zellteilung, bei der alle Chromosomensätze einer Zelle direkt kopiert und an die Tochterzellen unverändert weitergegeben werden. Soll heißen: Die Zelle bildet einfach weitere Somazellen und könnte das auch bis in alle Ewigkeit so weiter tun, ABER… sie kann nämlich auch anders. Es gibt nämlich auch einen Teilungsprozess, bei dem die Chromosomensätze voneinander getrennt werden, sodass am Ende jede Zelle nur einen davon trägt. Diese Teilung heißt Meiose und das dabei entstehende Zellstadium wird als Gamet bezeichnet, der einfache Chromosomensatz als haploid. Und was der Gamet macht, ist kurz zusammengefasst: Er sucht sich einen anderen Gameten, um sich mit ihm zu vereinigen, die haploiden Chromosomen zu diploiden zu kombinieren und sodann als neue Somazelle weiterzuleben. Die frisch vereinten Gameten nennt man dann Zygote, aber das ist eigentlich nicht ganz so wichtig. Wichtiger ist: Was macht Gameten aus?

Die Gameten gibt es nun wirklich in den verschiedensten Formen und Größen. Die haben keine festen Eigenschaften und nichtmal notwendig Geschlechter. Isogamie nennt man eingeschlechtliche sexuelle Fortpflanzung, bedeutet, dass beide Gameten gleich gestaltet sind. So weit so unkontrovers. UND JETZT ENDLICH kommt der Punkt, auf den alle, die jetzt noch mitlesen, die ganze Zeit gewartet haben: Geschlechter. Was ist ein Geschlecht.

Auch das eigentlich no big deal at all. Geschlecht bedeutet einfach nur unterschiedlich große Gameten. Das ist alles. Wirklich. Mehr hängt da nicht dran. Es gibt nen größeren Gameten, den Makrogameten. Der ist relativ passiv, denn er verbraucht wenig Energie für sich selbst und lagert sie für die Reproduktion chemisch ein, bewegt sich also auch kaum. Den nennt man Ei (ja, auch bei Pflanzen, kein Witz) und seinen Träger bei mehrzelligen Wesen ein Weibchen. Dann gibt es einen kleineren, beweglichen Gameten, der den Makrogameten aufsucht und dabei seine gesamte Energie umsetzt. Den nennt man Spermium und seinen Träger bei mehrzelligen Wesen ein Männchen. Bei Pflanzen ist das alles ein bisschen komplizierter, weil alle Pflanzen grundsätzlich Generationswechsel vollführen (kurz gesagt, die große diploide Pflanze produziert eine winzige haploide Pflanze an den Geschlechtsständen und die winzige haploide Pflanze trägt die Gameten und dann die Zygote… kurz gesagt plantception), und dann gibt es noch verschiedene Pilze und Protisten, die mehr als zwei Geschlechter haben und dann gibt es noch quasi-geschlechtliche Reproduktion mit Sporen (diploide DNA-Träger, aus denen ein neues Nährstadium wachsen kann), und da wird das alles kompliziert, ich geh aber durchaus auch mit Absicht drauf ein. Bei Tieren ist das hingegen alles ziemlich einfach: Die produzieren Eier und die produzieren Spermien und dann schwimmen die Spermien zu den Eiern und wenn sich die Zygote zum ersten Mal teilt nennt mans Embryo. Und natürlich findet man Parallelen zum Verhalten der jeweiligen Gameten bei den Somatieren auch. Ist ja am Ende auch wesentlich energiesparender für das Weibchen, das den Embryo ernähren muss (moooooooment, auch das stimmt nicht: manche Meerestiere produzieren nichtmal Dotter für ihre Larven, die ernähren sich von Beginn an von Plankton… und sind Plankton, aber nvmd) und wenn nicht dann doch Eier produziert, was dann eigentlich relativ viel Energie kostet. Und es stimmt ja auch, dass Geschlechtsdimorphismus tendenziell stärker wird bei Tieren, die viel Energie in ihren Nachwuchs investieren, i.e. auch Säugetiere, K- und r-Strategie, durr durr durr. Nur: Das sind Trends. Das ist keine ewiggültige Wahrheit, kein alles bestimmendes Prinzip. Und so findet man auch Spezies mit riesigen mobilen (oder sessilen… ganz besonders häufig sessilen) Weibchen, die alle inneren Organe und den üblichen Körperbauplan aufweisen, die man von der jeweiligen Gruppe erwartet, in deren Inneren quasi-parasitische bis auf ihre Hoden und vielleicht ein winziges Restgehirn reduzierte Zwergmännchen leben. Auch hier könnt man jetzt nen blöden Kalauer einbauen, aber ich schreib das hier ja gerade deshalb, damit diese blöden Kalauer in Zukunft auf der Kalauerebene bleiben, eben damit man halt nimmer auf die Idee kommt, das auch noch ernst zu nehmen. Herrje, nichtmal das mit den Geschlechtschromosomen ist überall so. Säugetiere haben das. Vögel haben das (und zwar genau umgekehrt im Vergleich zu Säugetieren, die Männchen haben ein doppeltes Geschlechtschromosom und die Weibchen zwei verschiedene), Pflanzen haben das. Und sonst? Sonst entwickelt der Embryo im Ei seine Geschlechtsorgane mal nach Temperatur, mal nach Feuchtigkeit, mal nach chemischen Bedingungen, mal nach Konkurrenz zwischen den Embryonen, es gibt so viele Möglichkeiten wie Tiere, und derer gibt es viele, und keiner hat was dagegen. Manche sind sogar Zwitter. Manche tragen beide Geschlechtsorgansets zur gleichen Zeit (und laufen Gefahr sich selbst zu befruchten), manche zu verschiedenen Lebensphasen, manche sogar zyklisch. Kann man alles machen, geht alles, gibts alles, gabs alles und gibt auch noch viel mehr und wird noch viel viel mehr geben.

Conclusio: Wenn man schon die Natur als Modell für menschliches Verhalten, sei es deskriptiv, sei es normativ, daherzieht, dann sollte man halt schon son ganz kleines bisschen wissen wovon man redet und nicht allen Ernstes so daherreden als wär bipolare Geschlechtlichkeit ein alles dominierendes Prinzip des Universums. Isses nämlich nicht. Selbst andere Säugetiere eignen sich nicht als Modell. Schimpansen und Bonobos sind Schwesterarten und zusammen die direkte Schwestergruppe von H. sapiens. Von allen Arten, die so existieren, sind diese beiden wohl am besten geeignet, menschliches Verhalten modellhaft zu beschreiben (jaok, außer Menschen, aber Gesellschaft existiert ja nicht, wenn man plumpem Biologismus nachhängt lol. Menschen sind eine Lüge, hier habt ihrs zuerst gehört), und dann hat man Schimpansen, die aus Spaß vergewaltigen und morden und ihre Jagdbeute einfach liegen lassen weil sie die Lust verlieren, und dann hat man Bonobos, die wild durch die Gegend vögeln wenn sie merken dass sie miteinander Konflikte haben und die den Rest des Tages damit verbringen, löffelnd im Geäst zu liegen und sich gegenseitig den Finger in den Arsch zu stecken. Klingt beides irgendwie scheiße, wird beides von Menschen praktiziert OHNE auf so ein blödes Affenvieh zu verweisen. Also: Kriegt euch mal wieder ein, liebe Maskus und sonstige Biotruth-Ideologen. Danke. Vor allem Kutschera, der blöde Aff sollts ja wirklich besser wissen.

*Kreationisten nehmen die Seltenheit einer weiterhin sinnvoll codierenden Mutation immer gern als Beispiel dafür, dass das mit den Mutationen und der Selektion so nicht sein kann: Survivorship Bias, kurz gesagt.

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Gothic in der Provinz.


Auch Provinzdissen versuchen manchmal, ihr Angebot von Onkelznächten, Metalpartys, Schlagerparaden und Top40s-Abenden aufzulockern und stattdessen mal (würfelwürfelwürfel) Gothic zu veranstalten. Und man denkt sich, hey, da hat doch der einzige Club im Kreisregierungssitzkaff des alten Kaffs wieder aufgemacht, in den man auch dann gehen konnte, wenn man Musikgeschmack und ein Gehirn besitzt, und es gibt eine Gothicnacht. Wie schön, denkt an sich, eine Samstagnacht ohne Blue Monday und Safety Dance ist eine komplette verschwendete Woche, also hin.

Was man aber dabei nicht bedenkt: In der Provinz ist Gothic zuallererst mal Metal. Und so sehen die Leute da auch aus. Die Musikauswahl ist so weit von Wave weg, dass man sich ganz ernsthaft über die dreiviertelstündige Passage freut, in der Trance(!!!) läuft. Für nen kurzen Moment glaubt man, wie schön, die spielen Duran Duran. Aber es war dann doch nur so eine Art Minimal Techno, der ein kleines bisschen die Toms von „Wild Boys“ zitiert hat. Man sieht mehr Bondagehosen und Cargopants mit Camouflageprints als bei einer My Little Pony-Convention. Dazu Unmengen schwarze Tanktops. Das in Kombination mit dem grimmigen Blick und den bizarren Schattenboxübungen der meisten Tänzer demonstriert nun nicht gerade Endzeithedonismus, sondern vielmehr „ACH JA HAB ICH ÜBRIGENS HEUTE SCHONMAL ERWÄHNT DASS ICH EINEN FUCKING PENIS BESITZE!!!“. Alles in allem ungefähr so sexy wie sein Alter mit „x Jahre jung“ anzugeben. Wahrscheinlich machen die das da sogar normalerweise. Wenn dann also zwischen NDH, Folk Metal und noch grottigeren Scooter-Ripoffs dann mal alle 2h für 10min Wave läuft, leert sich der Floor in Rekordzeit.

Alles sehr schade. Die Annäherung der Metal- und Gothicszenen in den Neunzigern war das schlimmste, das dem Genre und der Szene hätte passieren können. Gothic, that is. Die Metalszene hat natürlich davon profitiert: Zulauf vor allem von jüngeren Mädchen, die endlich zugeben konnten, dass sie Metal hörten, weil Metal endlich mal ein klein wenig mehr sexuelle Ausstrahlung als der Blobfisch haben durfte. Ganz ganz viele neue Subgenres. Endlich auch mal Synthies benutzen dürfen. Gothic hingegen ging daran kaputt. Einzug hielten Mackertum, prätentiöses Pathos, Texte über Gnome im Wald und ein bizarrer Faerie-Fetisch, wahrscheinlich um darüber hinwegzutäuschen dass man ja trotzdem einmal am Tag nen Haufen ins Becken legen muss. Und musikalisch? Da kamen die Rumsbumsgitarren und Märchenonkelgesang auf der einen Seite, HP Baxxter und Gabber Piet auf der anderen.

Natürlich bin ich konservativ mit meinem Begriff von Gothic. Denn das, was da vor nun schon 20 Jahren zu viel neu dazukam, das war ja gar nicht neu. Das war erzkonservativ. Provinziell. Traditionalistisch. Regressiv. Man hätte so viel Interessantes machen können aus einer schöneren Version von Punk für Endzeithedonisten. Stattdessen ist man die Onkelz in schwarzem Lackleder.

Manchmal geh ich dann doch immer wieder in die Provinzdissen mit den Gothicveranstaltungen, trage dabei schrille Slim Fit-Hemden, Skinny Jeans und Yuppieschuhe und hoffe dass bei den DJs endlich mal ein oder zwei Groschen fallen.

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Hey Muslime.


Ich spar mir jetzt mal das ganze Gerede von wegen Generalverdacht und so, den haben eh nur AfD-Rechtsaußen und sonst niemand.

Trotzdem: Ja, doch, ihr habt Verantwortung wegen des islamischen Terrors. Nein, irgendwelche wahllos rausgepickten Muslime sind immer noch nicht dran schuld. Ihr müsst euch auch nicht entschuldigen oder so. Ganz und gar nicht. Die Verantwortung ist eine andere.

Also: Erstmal haben diese Anschläge sehr wohl was mit dem Islam zu tun. Die Attentäter bekennen sich zum Islam. Ihre Organisationen nennen sich islamisch. Sie richten ihre Ideologie und ihr tägliches Leben nach den Geboten des Korans aus. Wer sollte denn bestimmen, dass und warum sie keine Muslime sind? Der Islamopapst etwa? Den gibt es nicht. Der könnte die einfach exkommunizieren. Vielleicht gäb das denen nen Dämpfer. Aber das gibt’s nunmal nicht. Also lasst bitte auch die Beteuerungen, das wären alles keine Muslime. Die fallen am Ende doch nur wieder auf euch selbst zurück.

Es tut weh, anzuerkennen, dass die Attentäter selbst mit jedem Recht behaupten können, Muslime zu sein. Mir tut’s ja auch weh zu wissen, dass ein Ulrich Kutschera, die Hälfte der PI-Redaktion, 80% der Reddituser und ähnlich viele Anonymous Atheisten sind. Ich sprech ihnen nicht den Atheismus ab. Sie sind ekelhafte Menschen, was vielleicht mit ihrem Atheismus zu tun haben könnte. Vielleicht nicht. Ich beziehe trotzdem den Atheismus als Teil ihrer Ekelhaftigkeit mit ein. Mag ja sein, dass es ein falsch verstandener Atheismus ist. Ein Atheismus aus den falschen Gründen.

Aber wie geh ich damit um? Ganz einfach: Ich erkläre, warum ich Atheist bin, was Atheismus für mich bedeutet. Ich erkläre, wenn jemand den Atheismus falsch verstanden hat. Ich erkläre, dass Atheismus nicht die ganze Ideologie ist. Ich bin nebenher auch überzeugter Humanist und Ideologiekritiker und stehe für die Freiheit des Individuums und sein Recht auf Bildung, Gesundheit, eine seine Talente fördernde Erziehung und ein akzeptierendes soziales Umfeld ein. Das alles ist aber nicht Resultat meines Atheismus, sondern Symptom derselben Grundeinstellung. Vielleicht steht ihr ja als Muslime auch dafür ein. Dann erklärt das auch so. „Ach ja… und außerdem bin ich noch praktizierender Muslim.“ Demonstriert, dass Islam auch das sein kann. Nicht, weil ihr seinen Ruf verbessern wollt. Sondern weil ihr dafür einsteht, dass Menschen sich nicht ausschließlich anhand eines – noch dazu wörtlich verstandenen Glaubens – identifizieren. Weil ihr dafür einsteht, dass Menschen sich ihre Lebensinhalte frei, nach eigenem Gutdünken zusammenbasteln.

Ihr werdet damit nicht den Terrorismus über Nacht beenden. Aber ihr könnt demonstrieren, dass man auch Muslim sein kann, ohne alle drei Sekunden wie ein Irrer „ALLAHU AKBAR!!“ zu grölen. Und das ist sehr wahrscheinlich sehr viel attraktiver als zwanghaftes Repetieren des eigenen Opferkomplexes und religiöse Unterdrückung und Entwürdigung.

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Maßstäbe der Ekelhaftigkeit.


Nichts ist heute so billig wie ein Holocaustvergleich – man bekommt ihn überall nachgeschmissen, ohne etwas dafür tun zu müssen. Schlimmes kann nicht Maßstab für sich selbst sein, sondern bedarf immer erst der Adelung durch die Shoah.

Nun ist Ekelhaftigkeit keine skalare Größe. Ekelhaftigkeit lässt sich in mehreren, vielleicht beliebig vielen Dimensionen messen. Die Ekelhaftigkeit von Akif Pirinccis KZ-Rede wird nicht etwa größer, wenn man das Kernzitat aus dem Kontext reißt und letzteren ins Gegenteil verkehrt: Vielmehr wird sie relativiert. Vielleicht ist das Ergebnis der merkwürdigen, soll man sagen: Strategien so vieler, die ein bisschen ausgelacht werden, ein bisschen angepöbelt werden und vereinzelt auch physisch attackiert werden, daraus eine politische Verfolgung zu inszenieren. Bitte nicht falsch verstehen: Verprügelt zu werden ist schlimm genug, aber es existiert keine systematische Verfolgung Andersdenkender durch paramilitärische Schlägertrupps… nun, auch das ist falsch. Aber diese Verfolgung geschieht – wie ironisch – gerade durch diejenigen, die sich selbst als Opfer systematischer staatlicher und gesellschaftlicher Verfolgung gerieren: Deutscher und türkischer Faschisten, Islamisten, Pegida-Anhängern, dem eher theoriefernen Teil der Antifa.

Indem nun aber, ganz allgemein, jedes Ereignis, das man als ekelhaft empfindet, mit seiner Ekelhaftigkeit nicht für sich stehen kann, sondern erst der Adelung durch die Shoah bedarf, relativiert man nicht nur die Shoah, sondern auch das entsprechende Ereignis selbst. Schließlich wird impliziert, dass etwas nicht aus ganz eigenen Gründen ekelhaft sein kann. Das Massensterben der Flüchtlinge im Mittelmeer ist schon dadurch unerträglich, dass es geschieht, es wird nicht erst dadurch unerträglich, dass jemand den Vergleich zu Auschwitz zieht. Sobald man letzteres für nötig hält, ist auch schon ausgesprochen, dass man dem Sterben seine Ekelhaftigkeit erst zusprechen muss, damit es auch wirklich ekelhaft ist.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit Pirinccis Rede. In Zeiten, in denen es als völlig normal gilt, sich wegen jedes dummen Witzes, wegen jeder womöglich durchaus unangebrachten Beschimpfung mit den Juden im Nationalsozialismus zu vergleichen, wird die Ekelhaftigkeit des Selbstvergleichs freilich nicht erkannt. Was erkannt wird ist: Der hat was über die KZs gesagt und dass es leider keine mehr gibt. Dieser Satz ist in beiden Lesarten ekelhaft, aber eine ist eben im Kontext falsch. Die falsche Lesart macht ihn nicht etwa noch ekelhafter, sondern sehr viel weniger ekelhaft. Statt darauf hinzuweisen, dass es im nationalsozialistischen Deutschland sehr, sehr wenige jüdische Massendemonstrationen mit Fackelzügen und wütenden Rednern gab, dass im nationalsozialistischen Deutschland sehr, sehr wenige Juden Parolen gegen alles brüllten, was ihnen nicht in den Kram passte (lies beidesmal: gar keine), und dass es wiederum in der BRD 2015 gegen Pegida-Anhänger eher wenige Maßnahmen der Staatsgewalt per default gibt, sondern immer erst dann, wenn sie gegen geltendes Gesetz verstoßen, das heißt also, statt darauf hinzuweisen, wie absurd der Vergleich ist, ganz ähnlich wie sich Kinder über Kinderarbeit und Sklavenhaltung beschweren, wenn sie zum Abspülen verdonnert werden, wird so getan, als wäre Pegida erst dann kritikwürdig, wenn ihre Redner wortwörtlich den Massenmord an Flüchtlingen in Deutschland fordern, und der Kontext dementsprechend verfälscht.

Dem Kampf gegen Rassismus tut man damit nichts gutes, und ebensowenig dem Kampf gegen Pegida, im Gegenteil: Nicht nur wird suggeriert, es sei ja alles nicht so schlimm, so lange nicht explizit der Genozid gefordert wird, man spielt auch der unsäglichen Parole von der Lügenpresse in die Hände.

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Aber das sind ja gar keine echten Muslime!


Muslime sind an ihrem schlechten Image selbst schuld. Nein, die meisten Muslime sind keine Terroristen. Ja, zumindest in Europa und Nordamerika lehnen die meisten Muslime Gewalt ab. Und nein, beliebige einzelne Muslime sind nicht für Gewalt, religiösen Zwang und Sexualitätsfeindlichkeit auf religiöser Basis verantwortlich. Wohl aber dafür, diese religiöse Basis nicht nur zu ignorieren, sondern aktiv zu verleugnen und so dazu beizutragen, dass sich islamische Gesellschaften auch weiterhin nicht zu reformieren willig oder in der Lage sind.

Zuallererst ist das grottenschlechte Mathematik. Wenn eine Menge A die Teilmengen B und C enthält, sind B und C weder automatisch miteinander noch automatisch mit A identisch. Genau dieser Annahme, nämlich die, dass sie es seien, unterliegt das immer und wieder fast schon manisch geäußerte Mantra, die Attentäter des 11.09.2001, so deren Täterschaft überhaupt anerkannt wird, die Taliban, Hamas, der IS, ehrenmordende Migranten in Westeuropa seien ja gar keine „echten“ Muslime. Was sie stattdessen sein sollen, erfährt man nicht. Dass diese Organisationen und Menschen Muslime sind, wird als persönliche Beleidigung erfahren, als der Vorwurf, man selbst als Muslim sei einer „von denen“. Vielleicht liegt darin schon das unbewusste Eingeständnis, dass islamischer Terror eben ein spezifisch islamischer Terror ist und deshalb auch mit islamischen religiösen Inhalten erklärt werden muss. Teil dieser Inhalte, seien sie nun Teil der schriftlichen Überlieferung oder der religiösen Tradition, ist auch die Auflösung des Individuums im Kollektiv, die sich widerspiegelt in der Empfindung, man werde mit religiösem Terror in eins gesetzt.

Für viele, auch für viele liberale Muslime, scheint es undenkbar, dass der Islam als religiöse Ideologie eben sehr viel Ekelhaftes erzeugt, aber dass Muslim zu sein nicht automatisch bedeutet, Teil der Ekelhaftigkeit zu sein. Man macht sich aber zu einem Teil, oder zumindest einem Rechtfertiger dieser Ekelhaftigkeit, wenn man sich weigert, sie aus der eigenen Position als Muslim heraus zu kritisieren, und zwar als etwas, das Teil des aktuellen Islams ist. Es ist eine Binse, dass, wer kein Teil der Lösung ist, Teil des Problems ist. Passiv und desinteressiert zu sein ist kein Verbrechen, aber wer ein Problem erkennt und die Auswirkungen dieses Problems als schädlich für sich selbst empfindet, löst dieses Problem schlicht nicht, indem er es zu einem Problem anderer Leute macht, sondern trägt im Gegenteil noch dazu bei.

Exkommunikation löst keine gesellschaftlichen Probleme, sie poliert bestenfalls(!!) nur das Image des jeweiligen Mainstreams, und wenn es keine Autorität gibt, die „offiziell“ exkommunizieren kann, ändert diese Exkommunikation auch nichts am selbstbeworbenen Status des vorgeblich „Exkommunizierten“. Ein türkischer Aktivist für Religionsfreiheit hat genau dieselbe Legitimität, sich als einen „echten“ Muslim zu bezeichnen wie ein palästinensischer Attentäter, weil keine Autorität existiert, die festlegt, wer nun als Muslim zu gelten hat. Muslime sollten daher weniger Energie investieren, zu erklären, was der Islam ist oder eben nicht ist, und mehr darin, sich zu fragen, was der Islam sein sollte.

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Das deutsche Volk und seine Teenagernacktbilder.


Als das deutsche Volk noch jünger war und nicht so reif und erwachsen, dass es wie heute das schlechte Gewissen der Welt sein durfte, da hat es ein paar peinliche Dinge getan, wie sie nunmal jeder von uns tat, als er noch ein Teenager war. Das ist ganz normal, jedem Volk passiert das mal, aber man muss es natürlich nicht Jahre später wieder überall rumerzählen, wenn das deutsche Volk mal endlich im Leben angekommen ist und ein gutes bürgerliches Leben als schlechtes Gewissen und größter biologisch-dynamischer Tante-Emma-Laden für mechatronische Technologie aufgebaut hat.

Nun gut, irgendwann mal war das deutsche Volk furchtbar in die Nachbarstochter verliebt und saß deshalb nächtelang im Kirschbaum vor ihrem Fenster und beobachtete sie beim Schlafen. Dann fand es sie bei Facebook und spammte sie mit Nacktbildern zu. Dann aber wurde es ein bisschen älter und merkte wie unfassbar peinlich so ein Verhalten ist und deshalb sollte man es ihm auch nicht mehr andauernd vorhalten. Wir alle machen Fehler, wir alle tun peinliche Dinge wenn wir jung sind. Das ist halt nunmal so. DIE ANDERN VÖLKER WAREN AUCH MAL PEINLICH! UND DIE SIND ALLE VIEL SCHLIMMER!

Plot Twist: Habt ihr gemerkt, dass ich hier die Shoah durch ein peinliches Erlebnis als Teenager ersetzt habe? Und falls ihr gemerkt hab, dass ich die Shoah gemeint hab, habt ihr auch gemerkt, wie unangenehm euch der Vergleich war?
Wenn ja, ist das gut. So unangenehm sollte es euch in Zukunft immer sein, wenn ihr erklärt, dass irgendwann auch mal Schluss sein soll mit der Erinnerung. Schlussstriche zieht man unter peinliche Erinnerungen, etwas, bei dem man dumm da gestanden hat, weil man dumm war. Über die Shoah so zu reden ist halt ne besondere Art der Relativierung. Don’t do it. Ever.

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Motto Mobbing. Eine beinah wahre Geschichte aus meiner Autobiographie.


Mobbing ist scheiße. Dessen ist man sich einig, das sagen alle und legen auch großen Wert drauf dass bloß jeder das weiß. Große Kampagnen und Aufklärung und man soll einander zuhören, und das klappt zwar nur sehr selten, aber man tut wenigstens so als wär’s so. Und dann entdeckt man auf einmal, wie lustig es in Wahrheit doch sein kann. Ja, unglaublich lustig, wenn man weiß wie und welches Opfer man sich aussuchen muss. Das wurde mir eines Tages auf eine äußerst erheiternde Weise bewusst.

Besagten Tages nämlich dachte ich über mein Leben nach und stellte mir vor, ich wäre älter, viel älter als ich damals war und viel älter als ich jetzt bin. Im Moment bin ich, glaube ich, 24, aber eigentlich weiß das niemand so richtig. Dann fing ich an, mit meinen anwesenden Freunden ein bisschen hinter meinem Rücken zu lästern: „Ey, guck dir doch mal diesen Gregor an. Der ist 72 und spart seit Jahren auf sein erstes Auto. Aber hast du dir seine Wohnung angeguckt? Ein Wunder wenn er 75 wird, ganz zu schweigen von 112. Das Auto kann er vergessen. Aber hey, immerhin: Wenn er die 93 schafft, kann er nach Abzug der Beerdigungskosten immerhin ein Zehntel seiner jetzigen Schulden ohne Zinsen abzahlen, und das ist für jemand wie den schon ein Trost.“
Auf einmal merkte ich, was für ein unglaublich angenehmes Gefühl es doch ist, sich über jemanden zu erheben, noch dazu jemanden, den man so gut kennt und deshalb weiß, dass es der Wahrheit entspricht. Ich dachte, ein so leichtes Opfer findest du so schnell nicht wieder, und so begann nach und nach die lustigste Phase meines Lebens. Wenn ich mich in der Schule meldete und mich die Lehrer drannahmen, begann ich, jedesmal, wenn ich etwas sagen wollte, Furzgeräusche zu machen und mein dummes Geschwätz mit verächtlichem Lachen zu übertönen. Das gefiel mir, weil die Klasse das alles ziemlich lustig fand. Dann ging es weiter: Ab und zu ließ ich Essensreste von meinem Pausenbrot in mein Federmäppchen und meinen Schulranzen fallen, und als ich mich daraufhin deshalb zur Rede stellte, lachte ich nur und zog mir meine Unterhose über den Kopf, während ich sie noch trug. Natürlich war das sehr schmerzhaft, was ich wiederum noch witziger fand, und so nahm ich meine Trinkflasche, spottete: „Ach, hast du Schmerzen? Hier, das wird es kühlen!“ und schüttete sie mir in den Schritt.
Man kann sich denken, wie das dann aussah, ein neuer Grund, mich auszulachen – „Ach Gottchen, hat das Riesenbaby sich eingepisst vor Schmerzen? Geht mal lieber weg von dem, sonst macht er euch voll, hahaha…“, während ich mit meinem Handy (das natürlich viel besser war als mein eigenes, welches ich mir ohnehin schon zwei Wochen vorher geklaut hatte) den ganzen Spaß filmte und gleich am Nachmittag auf Youtube stellte und dafür 300 Klicks in einer Woche erhielt. Ich begrüßte mich täglich mit „Warum schlage ich mich selbst? WARUM SCHLAGE ICH MICH SELBST? WARUM SCHLAGE ICH MICH SELBST??? GREGOR, HÖR AUF MICH SELBST ZU SCHLAGEN!!!“, zerriss öfters mal mein selbst bezahltes Mathebuch und warf mehrmals in der Woche mein Mäppchen in nicht gespülte Toiletten. Wenn ich es nicht eigenhändig rausfischte, drückte ich meinen Kopf hinein und sagte „Du bist doch immer so neugierig, wolltest du denn nicht auch mal wissen, wie so ein Klo von innen aussieht?“.

Nach und nach lernte ich auch, die Naturgesetze zu überwinden, schaffte es, mich selbst im Turnhallenspind einzuschließen und den Schlüssel wegzuwerfen, sodass ich die Nacht darin verbringen musste. Die Turnhalle war ohnehin mein Lieblingsspielplatz. Das war auch naheliegend: Ich war ja der Trottel mit der Fünf in Sport, während ich wiederum ganz stolz meine 1,0 nach Hause brachte. Es war also ganz normal, dass ich mich öfters mal selbst kopfüber in den Basketballkorb steckte.
Und klar, die ganze Klasse machte mit. War ja auch ok, nahm mir einiges an Arbeit ab. Mobbing ist konsequent gelebte Basisdemokratie mit Volksentscheid, also Übung für uns, eines Tages sagen zu können: Wir sind das Volk. Aber trotzdem war ich in alledem der Anführer, derjenige, der mir die schlimmsten Dinge zufügte. Und ich war immer stolz darauf. War es damals, bin es heute noch. Eigentlich bin ich gegen Mobbing. Aber gegen ein wirklich hassenswertes Opfer: Immer dafür.

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